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Saf-T-Liner C2 Electric Bus von Thomas Built Buses. Foto: Daimler

Das sollte Schule machen: Die nordamerikanische Daimler Tochter Thomas Built Buses hat einen vollelektrischen Schulbus für die Serienproduktion vorgestellt. Ab Anfang 2019 wird der „Saf-T-Liner C2 Electric Bus“ oder kurz „Jouley“ bis zu 81 Kinder in den USA zur Schule bringen – sicher, leise und lokal emissionsfrei. Die 160kWh Batterie ermöglicht eine Reichweite von bis zu 160 Kilometern. Bei Bedarf sorgen zusätzliche Batterie-Module für eine größere Reichweite. Bei der Entwicklung des Saf-T-Liner C2 Electric Bus profitierte Thomas Built Buses maßgeblich vom Elektro Knowhow der Daimler AG. Thomas Built Buses, so lautet seit 1972 der Name des Unternehmens, das in High Point, North Carolina, Omnibusse herstellt – und das 2006 seinen 90. Geburtstag feierte. Ursprünglich hieß das Werk nach seinem Gründer Perley A. Thomas Car Works: Mit Car waren aber nicht etwa Automobile, sondern Straßenbahnen gemeint, die in amerikanischem Englisch „Streetcars“ oder auch „Trolleys“ heißen. Straßenbahnen gab es in jeder größeren amerikanischen Stadt, bis sie in den dreißiger Jahren, bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und den zunehmenden Individualverkehr, nach und nach von der Bildfläche verschwanden.

Die Perley A. Thomas Car Works im Jahr 1920. Foto: Daimler

Perley A. Thomas gab nicht auf und begann 1936, auf ein krisenfestes Verkehrsmittel umzusatteln, das bis heute den amerikanischen Omnibusmarkt dominiert: den Schulbus. Durch die Weltwirtschaftskrise war eine neue Situation entstanden: Die Kommunen gerieten in Finanznot, gleichzeitig waren aber die Fahrpreise kaum gestiegen. Elektrizitätswerke, die bisher ebenfalls Straßenbahnlinien betrieben hatten, litten zum einen selbst unter der Krise, zum anderen arbeiteten sie am Aufbau einer flächendeckenden Stromversorgung und zogen sich aus dem Personentransport zurück. Währenddessen nutzten große Fahrzeughersteller die Chance, für den dieselgetriebenen Omnibus zu werben. Thomas hatte zu besten Zeiten 125 Mitarbeiter beschäftigt. Davon war nun kaum noch ein Dutzend übrig, das vergebens auf neue Aufträge wartete. Ein wenig Licht ins Dunkel brachten 1934 drei Aufträge aus Greensboro, North Carolina, sowie Greenville und Anderson, beide in South Carolina gelegen. In den ersten beiden Fällen handelte es sich um je zwei Oberleitungsbusse, die sich im praktischen Betrieb bestens bewährten. Allerdings gab es Beschwerden, dass die O-Busse den Radioempfang störten. Der dritte Auftrag aus Anderson umfasste zehn Linienbusse. Dies reichte nicht aus, um die Talfahrt des Unternehmens aufzuhalten. Wohl aber überzeugte die erfolgreiche Abwicklung der Order den Unternehmer, sich auf einem neuen Geschäftfeld zu versuchen. Als der Bundesstaat North Carolina zwei Jahre später einen Großauftrag über 500 Schulbusse öffentlich ausschrieb, sah Thomas seine Chance gekommen.

Thomas Busaufbau auf Dodge Chassis, 1948. Foto: Daimler

Zwar ließ die Ausschreibung keine hohen Gewinne erwarten: Alles an den Schulbussen sollte so sparsam wie nur irgend möglich konstruiert sein. Der Aufbau bestand aus Holz mit einem Dach aus Zinn und längs angeordneten Holzbänken im Inneren. Es war nur ein einziger Scheibenwischer vorgesehen, und auf Spiegel und Scheinwerfer verzichtete der Staat North Carolina gänzlich, um Kosten zu sparen. Zudem ließen es die Finanzen der Perley A. Thomas Car Works nicht zu, ein Angebot über mehr als 200 Busse einzureichen. 195 Dollar brachte Thomas für einen 5,20 Meter langen Bus in Anschlag, 205 Dollar für einen 5,80-Meter-Bus und für einen Bus von 6,40 Meter Länge berechnete das Unternehmen einen Preis von 225 Dollar. Da Thomas, unterstützt von seiner Tochter Melva und den Söhnen Willard und Norman, hart gerechnet hatte, erhielt das Werk in High Point den Zuschlag, und die Geschichte eines der größten amerikanischen Schulbusherstellers begann.

Zwei Großaufträge aus North Carolina füllten 1938/39 die Auftragsbücher. Foto: Daimler

Mit dem Schulbusauftrag war die Krise noch nicht überwunden. Ohnehin konnte sich der Ingenieur mit der allzu schlichten, Kosten sparenden Bauweise der Busse nur mühsam anfreunden. So verlegte er sich im Anschluss zunächst auf luxuriöse Wohnwagen, die sogar mit einer Toilette ausgestattet waren und sich vor allem bei Schaustellern größter Beliebtheit erfreuten. So lange das Busgeschäft allein das Unternehmen nicht tragen konnte, fertigte Thomas verschiedenste Aufbauten. Doch auf Dauer konnten solche Gelegenheitsaufträge den Ingenieur nicht befriedigen. Er suchte nach neuen Lösungen, um den Omnibusbau zu verbessern. 1938 hatte er North Carolinas ersten Schulbus in Ganzstahl-Bauweise entworfen. Üblicherweise bestand damals ein Omnibusaufbau aus bogenförmigen Rippen, die wiederum aus je zwei senkrechten und einem waagrechten Teil zusammengesetzt und an der Dachkante angeschweißt oder -geschraubt waren. Dieser Bogen wurde dann von oben auf den Rahmen geschweißt. Perley A. Thomas verbesserte die Konstruktion, indem er die gesamte Rippe aus einem einzigen, gebogenen Stahlprofil herstellte, das er von außen an den Rahmen schweißte.

Der so genannte Activity Bus für den Baseballclub von Dover, Delaware, 1939. Foto: Daimler

Umgehend dankte dies der Bundesstaat dem findigen Unternehmer mit einem Auftrag über 400 Schulbusse, auf den zwei Jahre später 900 weitere Einheiten folgten. Was dem Schulbushersteller dabei zugute kam, war, dass just 1939 ein gewisser Frank W. Cyr an der Columbia University eine nationale Konferenz einberief mit dem Ziel, Mindeststandards für die Sicherheit der Schülertransporte festzulegen. Seit jener Zeit sind Schulbusse in den USA an der kräftigen gelben Farbe schon von weitem zu erkennen. Cyr gilt daher auch als der „Vater des gelben Schulbusses“. Thomas, der von Anfang an großen Wert auf Sicherheit legte, kam mit seinem Anliegen also gerade zur rechten Zeit.

Mit der Langlebigkeit der Thomas-Busse wirbt dieser Verkaufsprospekt 1940. Foto: Daimler

In der Gewissheit, dass es mit dem Unternehmen nun wieder aufwärts ging, übergab der mittlerweile über sechzigjährige Unternehmer das Geschäft nach und nach an seine Kinder Willard, Norman, Melva und später die wesentlich jüngere Mary. Sie teilten sich die Aufgaben: Willard Thomas übernahm die Geschäftsführung und hielt den Kontakt zu den Kunden. Sein jüngerer Bruder Norman überwachte die Produktion, die Entwicklung und den Einkauf. Melva Thomas hingegen war für die wirtschaftliche Seite des Unternehmens zuständig, während alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam fielen. Als die jüngste Thomas-Tochter Mary 1946 in das Unternehmen eintrat, waren dort bereits mehrere Enkel des Gründers beschäftigt.

Rippen aus gebogenen Stahlprofilen, Lederpolster: Thomas Schulbus 1937. Foto: Daimler

Kaum schien die Zukunft des Unternehmens gesichert, da stand sie auch schon wieder in Frage. Als die USA in den zweiten Weltkrieg eintraten, waren Schulbusse auf einmal nicht mehr gefragt. In dieser schwierigen Situation konnte sich wieder einmal der Erfindungsgeist des Unternehmensgründers, Perley A. Thomas, bewähren. Thomas unterbreitete der Armee einen Vorschlag, der auf offene Ohren stieß: Er schlug vor, einen Lkw-Aufbau zu produzieren, der als mobile Reparaturwerkstatt für leichte Handfeuerwaffen dienen sollte. Pro Tag fertigte das Werk 15 Einheiten, die an der Front allesamt zuverlässig ihren Dienst versahen. Nach dem Krieg stieg die Nachfrage nach Schulbussen wieder kräftig. Die Anbieter operierten damals zumeist noch auf regionalen Märkten. Immerhin fünf Konkurrenten hatte Thomas allein in North und South Carolina, während sich landesweit über 20 Hersteller den Markt teilten. Thomas war einer der ersten, die über die regionalen Grenzen hinaus ein landesweites Vertriebs- und Servicenetz aufbauten. Einer Niederlassung in Pennsylvania folgten weitere in Virginia, Maryland, Delaware, Florida, Mississippi, Alabama und New Jersey. Heute besitzt Thomas in den Vereinigten Staaten mehr als 50 Niederlassungen. Auch in Kanada verkauften sich die Schulbusse von Thomas so gut, dass der Hersteller 1962 in Woodstock, Ontario, ein Zweigwerk einrichtete, aus dem zu besten Zeiten etwa ein Drittel der Produktion von Thomas kam. In den sechziger Jahren entstanden zwei weitere Werke in Ecuador und Peru, denen allerdings keine dauerhafte Existenz beschieden war. 1972 gab sich das Unternehmen, das ja längst keine Straßenbahnen mehr herstellte, schließlich den Namen, den es auch heute noch trägt: Thomas Built Buses. Für einen Schulbus gibt es nichts Wichtigeres als die Sicherheit. Dies hatte Thomas von Anfang an erkannt und wo immer möglich Verbesserungen vorgeschlagen. Als in den siebziger Jahren neue Standards aufkamen, bedeutete dies für das Werk in High Point nicht eine zusätzliche, schwer zu erfüllende Herausforderung, sondern eine Bestätigung des eingeschlagenen Weges.

Sicherheit heißt auch, dass der Busfahrer oder die Busfahrerin alle Schüler und Schülerinnen immer und überall im Blick hat. Foto: Daimler

Amerikanische Schulbusse orientieren sich andererseits stark an den Wünschen des Kunden. Sie sollen robust, zuverlässig und sicher sein und dazu in jedem einzelnen Fall kundentypische Spezifikationen erfüllen. Weiterhin zwingt der Kunde in der Ausschreibung oft größerer Aufträge zu einer extremen Reduktion der Kosten. Der Entwicklungsaufwand für neue Rahmenkonstruktionen und Bremssysteme zum Beispiel kann daher einen kleineren Hersteller vor eine unlösbare Aufgabe stellen. In den siebziger Jahren strebten viele der ehemals lokalen Hersteller also danach, sich auf nationaler Ebene durchzusetzen. 1980 waren dann nur noch sechs von ihnen übrig geblieben. Einer von ihnen hieß Thomas Built Buses. In der Regel handelt es sich bei den gelben Schulbussen amerikanischer Prägung um robuste Haubenfahrzeuge, oft mit dem Buchstaben C für „Conventional“ gekennzeichnet. Thomas begann aber bereits in den fünfziger Jahren, auch über Frontlenker nachzudenken. Mit dem Saf-T-Liner präsentierte das Unternehmen 1978 nicht nur einen Bus mit senkrecht abfallender Front, sondern zugleich zum ersten Mal ein eigenes Fahrgestell mit Heckmotor. Der Frontlenker erwies sich als so erfolgreich, dass Thomas in den achtziger Jahren auch in den Linienbussektor einstieg. 1980 folgte als weiteres, äußerst erfolgreiches Modell der mit zahlreichen Verbesserungen bis heute angebotene Midibus Minotour, der bis zu 30 Schülern Platz bietet. Von 1989 bis 1998 bot Thomas außerdem den Kurzhauber Vista an, der das Äußere eines konventionellen Haubers mit einer verbesserten Sicht verband. 1993 schickte Thomas einen erdgasgetriebenen Bus auf eine Tour quer durch die Vereinigten Staaten, 1994 folgte ein batteriegetriebener Versuchsträger.

Richtung Zukunft: Ein erster Hybrid-Schulbus mit Technologietransfer aus dem Daimler-Konzern an Bord – Kraftstoff wird gespart, CO2 um 30% reduziert. Foto: Daimler

Ein gelbgrüner Schulbus mit parallelem Hybridantrieb: 44 kW Elektromotor samt Generator und einem Cummins ISB 6-Zylinder mit 6,7 l Hubraum und 200 PS. Gespeichert wird die erzeugte Energie in Lithium-Ionen Batterien mit 1,9 kW/h. Foto: Daimler

Pionierarbeit leistete das Werk zudem auf den Gebieten behindertengerechte Ausstattung und Sicherheitssitze für Kinder. 1996 eröffnete Thomas Built Buses ein neues Werk im mexikanischen Monterrey. Doch der erneute Versuch, auf den lateinamerikanischen Märkten Fuß zu fassen, stand unter keinem guten Stern. Just in dem Moment, als das Werk seine Pforten öffnete, erlebten die Länder, in die die Busse geliefert werden sollten, eine wirtschaftliche Flaute. Bereits 1985 hatte die Familie Thomas gewisse Anteile an die New Yorker Investmentgruppe Odyssey verkauft. Doch noch immer befand sich das Unternehmen, das mit einem Marktanteil von rund 33 Prozent zu den mittlerweile nur noch drei großen Schulbusherstellern zählte, zum überwiegenden Teil in Familienbesitz. Um auf Dauer überleben zu können, brauchte Thomas aber einen starken Partner. Zumal auch im Stammwerk in North Carolina neue Investitionen anstanden. Im Oktober 1998 übernahm Freightliner, selbst seit 1981 Teil des damaligen DaimlerChrysler Konzerns, den Schulbushersteller. Zu diesem Zeitpunkt war ein neues Werk in High Point, in dem der aktuelle Minotour hergestellt wird, beinahe fertig gestellt. Als Bestandteil eines weltweit operierenden Konzerns boten sich für Thomas Built Buses neue Perspektiven. Es galt nun allerdings, sich gänzlich auf die Kernkompetenzen des Schulbusherstellers zu konzentrieren. Das Werk im kanadischen Bundesstaat Ontario, wo mit Orion ein weiterer, mittlerweile ebenfalls zu DaimlerChrysler gehöriger Bushersteller arbeitete, schloss Ende 2001 seine Pforten. Stattdessen kündigte Thomas an, in High Point abermals eine neue, hochmoderne Produktionsanlage aufzubauen, in der ausschließlich das neueste Modell Saf-T-Liner C2 gefertigt werden sollte. Unterdessen gründete sich 1999 ein Joint-Venture-Unternehmen aus Thomas Built Buses und dem britischen, damals zur Mayflower-Gruppe gehörigen Hersteller Dennis mit dem Ziel, einen Niederflur-Linienbus für den amerikanischen Markt zu entwickeln. Das Modell für den ersten Thomas-Niederflurbus SLF bot der Dennis Dart. Später entstanden weitere Varianten, die seit 2003 unter dem Markennamen Orion von DaimlerChrysler Commercial Buses North America (DCCBNA) mit Sitz in Greensboro, North Carolina, vertrieben wurden. Damals begann Setra mit der TopClass erneut auf den amerikanischen Markt vorzustoßen. DaimlerChrysler übernahm alle Anteile von Dennis, um unter dem Dach der DCCBNA alle Reise- und Linienbusaktivitäten der Marken Dodge, Orion und Setra zu koordinieren. Linienbusse gehören seitdem nicht mehr zum Metier der Marke Thomas. Heute steht Thomas Built Buses somit wieder ausschließlich für moderne, zuverlässige und sichere Schulbusse aus High Point, North Carolina.

So sieht der Arbeitsplatz im Saf-T-Liner C2 aus. Foto: Daimler

Spiegel und Stange: Übersicht und Wegweiser, denn vor dem Bus hat kein Schüler etwas zu suchen… Foto: Daimler

Im November 2003 stellt Thomas den neuen Saf-T-Liner C2 vor, der seit August 2004 in dem neuen, ISO 14001-zertifizierten Werk in High Point vom Band läuft. 39,7 Millionen Dollar hat das Unternehmen in die Anlage investiert. Eine 1,2 Kilometer lange, automatisierte Förderanlage führt den Bus über 75 Stationen von der Montagelinie über die Roboter-betriebene Lackiererei bis zur abschließenden Finishstraße. Neueste Technologien kommen in der Kombination von Klebe- und selbstbohrenden Nietenverbindungen zum Einsatz. Schon rein äußerlich unterscheidet sich der Saf-T-Liner C2 von früheren Schulbussen. Eine sehr große, ungeteilte Frontscheibe (viele Lkw in den USA haben heute noch geteilte Scheiben) und eine steil abfallende, stark gerundete Motorhaube sorgen für beste Sichtverhältnisse. Ein Lenkradeinschlag von bis zu 55 Grad und ein moderner, übersichtlicher Fahrerarbeitsplatz mit spiegelfreien Armaturen und reichlich Ablagemöglichkeiten erleichtern die Arbeit des Fahrers. Die kombinierte Niet- und Klebeverbindung hat sich in Tests als doppelt so haltbar erwiesen wie eine reine Nietenverbindung. On-Board-Diagnose hilft bei Wartung und Reparatur, auch hier ein Technologietransfer innerhalb des Daimler-Konzerns. Mit einem Marktanteil von 38,7 Prozent ist Thomas Built Buses im Jahr 2017 führender Anbieter von Schulbussen in Nordamerika. Mit dem „Saf-T-Liner C2 Electric Bus“ hat jetzt ein ganz neues Kapital angefangen, spannend, im wahrsten Sinne. Rüdiger Schreiber

Saf-T-Liner HDX von Thomas Built Buses, es muss nicht immer mit klassischer Haube sein… Foto: Daimler

Bietet Platz für maximal 90 Schüler: Der Saf-T-Liner EFX. Foto: Daimler

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