Kann als Teil des Skandinavien-Paketes bestellt werden: ein Sandkasten. Foto: Solaris

Der polnische Bushersteller Solaris hat in seinen Wurzeln noch ein kleines bisschen des Neoplan-Gens, wie der neue Urbino 15 LE electric zeigt. Und das, was die Polen seinerzeit als Neoplan-Polska und Lizenznehmer gelernt haben, ist heute durchaus ein Vorteil, den Kunden schätzen: Eine Konfigurationsmöglichkeit des bestellten Busses, die individuelle Betreiberbedürfnisse berücksichtigt. Die beiden ersten neuen langen LowEntry-Elektrobusse wurden für den skandinavischen Markt konzipiert. Und weil dort neben Elektromobilität auch auf Länge gesetzt wird, sind beim Urbino 15 LE electric zur Premiere die Bus-Nordic-Standards berücksichtigt. Zu den skandinavischen Zusatzausstattungen gehören spezielle Lösungen, die beispielsweise für den thermischen Komfort sorgen, der das Busfahren auch in Skandinavien angenehm macht. Dazu noch eine Beleuchtung oder entsprechende Passagiersitze, die für den Überlandverkehr ausgelegt sind. Interessanterweise wurde der lange Elektrobus auch mit einer Lösung ausgestattet, die man hauptsächlich von Straßenbahnen kennt: Ein Sandstreuer sorgt auf vereisten oder verschneiten Straßen für den nötigen Grip beim Anfahren, weil der Sand den Haftwert zwischen Reifen und eisglatter oder einfach auch nur nasser Straße erhöht. Der verwendte Bremssand ist aber viel feiner, fast so fein wie Mehl, wie es aus Polen heißt. Das von Straßenbahnen her bekannte Prinzip funktioniert auch beim Omnibus, je nach Hersteller wird dabei mit Hilfe von Druckluft oder ganz einfach durch Wirkung der Schwerkraft Sand aus dem “Sandkasten” durch sogenannte Sandfallrohre unter oder vor die Räder verteilt, um so die Reibung zwischen Reifen und Straße zu erhöhen. Ein Durchrutschen der Räder kann so verhindert und die Traktions- sowie Bremswirkung verbessert werden. Der Sandstreuer funktioniert aber nur dann zuverlässig,  wenn der Sand absolut trocken ist. Eisenbahner haben da schnell an eine gute Lösung gefunden: Bei Dampflokomotiven wurde der Sandkasten meistens auf dem Scheitel des Langkesseln in einem separaten Gebilde mit der Bezeichnung Sanddom mitgeführt. Durch die Nähe zum Kessel wurde der Sand warm und trocken gehalten. Bei aktuellen Schienenfahrzeuge werden mitunter Heizspiralen eingesetzt, die direkt in dem Vorratsbehälter des Sands eingebaut ist. Und bei Solaris? Betriebsgeheimnis, zum genauen Menge und technischen Details gibt es keinerlei Auskünfte. Stattdessen gibt es weitere Informationem zu den skandinavischen Zusatzausstattungen: Dem arktischen und besonders strenge Klima trotze man mit zusätzlichen Dämmkomponenten, die so ausgelegt sind, dass das Fahrzeug dem Winter die Stirn bieten könne. Im Zusammenhang mit einem elektrischen Antrieb durchaus auch von Vorteil. Die Polen melden in diesem Zusammenhang, dass es aktuell nur wenige Städte auf der Solaris-Karte geben würde, die so nahe am Polarkreis liegen, wie beispielsweise Umeå und Skellefteå in Schweden oder Trondheim in Norwegen, doch seien alle Fahrzeuge, die in Dutzenden von Groß- und Kleinstädten auf der skandinavischen Halbinsel verkehren, darauf ausgelegt, ihre Strecken auch bei den frostigsten Temperaturen zu bewältigen. Bei jedem von über 1000 der „nördlichen“ Urbino wären deshalb die Seitenwände und die Decke zum Schutz vor Wärmeverlust doppelt gedämmt, wie Solaris erklärt. Darüber hinaus erhielt auch das Fahrgestell im Bereich der Radhäuser eine zusätzliche Dämmschicht. Auch die Seitenscheiben wären doppelverglast. Der Boden in Bussen für Skandinavien werde zusätzlich konserviert, damit die Feuchte die Bodenstruktur nicht beeinträchtige. Die extremen Straßen- und Wetterbedingungen erfordern auch die Montage zusätzlicher Anschlüsse im Busboden, die eine Nachladung von Akkus über Nacht ermöglichen. Die Verkehrsbetreiber aus dem weiten Norden entscheiden sich oft auch für den Einbau einer Bodenheizung. Zur Standardausstattung gehören hingegen beheizbare Spiegel und eine beheizbare Seitenscheibe auf der Fahrerseite. Wegen der schnell hereinbrechenden Dämmerung in Wintermonaten wählen die Kunden auch eine zusätzliche Beleuchtung über den Türen. Für den Fall starker Schneefälle und für bessere Bodenhaftung sind die Räder aller Urbino in skandinavischen Ländern mit speziellen Haltern für Schneeketten ausgerüstet. Einen zusätzlichen Schutz vor Schnee bieten auch Bürsten, die an Radhäusern montiert werden. In Schweden, Norwegen oder Finnland können Temperaturen sogar auf -40°C sinken, was beim Starten des Motors problematisch sein kann. Die bei Solaris-Bussen eingesetzten Motoren kommen zwar mit frostigen Temperaturen von bis zu -25 °C zurecht, doch die Einheiten, die in die in Schweden sehr beliebten CNG-Bussen eingebaut werden, brauchen zum Starten mindestens -12°C. Die Schweden lösen dieses Problem durch den Einsatz einer Wasserheizung im Betriebshof. An der Front des Busses wurde ein Anschluss an ein Warmwasseraustauscher platziert, der die Flüssigkeit des Motorkühlsystems und damit auch den Motor und das Heizungssystem des Fahrzeugs erwärmt. So können Fahrer und Fahrgäste ihren Tag in angenehmer Wärme beginnen. In Norwegen sind hingegen Motorvorwärmer gängiger, die die Temperatur der Kühlflüssigkeit und des Motoröls erhöhen. Jeder Bus besitzt natürlich auch eine konventionelle Heizung, die in nordischen Ländern über eine höhere Heizleistung verfügt. Das strenge, frostige Klima ist kein Hindernis für Batteriebusse Urbino electric, wie Solaris betont. Die Urbino electric, die bislang auf den Straßen der skandinavischen Länder im Einsatz sind, werden nach Angaben der Polen mit ähnlichen Lösungen wie Dieselbusse von Solaris ausgestattet und wären dann auch genauso zuverlässig. Die Urbino electric in Tampere in Finnland verkehren vorwiegend auf Pflasterstraßen in der Stadtmitte. Der in der Nähe gelegene See und der Fluss tragen zu einer höheren Luftfeuchtigkeit bei. Und eben wegen der Feuchtigkeit, die die Stadtbewohner an frostigen Tagen besonders zu spüren bekommen und die auch zu Problemen bei der Ladung von Busbatterien führen kann, werden die Pantographen von Urbino electric beheizt. Bildung von Eis an elektrischen Verbindungen könnte nämlich den Pantographen beschädigen, daher werden nicht nur seine mobilen Komponenten und Elektroanschlüsse, sondern auch die Schienen, auf denen der Kontaktkopf sich bewegt, beheizt. Um die Auswirkung des winterlichen Klimas auf den Betrieb von Batteriebussen noch weiter einzuschränken entschied sich die Stadt auch für die Bodenheizung unter der Pantograph-Ladestation. Eine interessante und untypische Thermomanagement-Lösung wurde auch im Urbino 12 electric, einem Hafenbus, der im schwedischen Hafen von Ystad pendelt, eingesetzt. Im Fahrzeug wurde eine bestimmte Temperatur programmiert, die im Innenraum vom Urbino, der seinen Einsatz frühmorgens beginnt, herrschen soll. Während der Nachladung der Batterien schaltet sich um 5:00 Uhr jeden Morgen die Standheizung oder -kühlung des Busses ein, damit der Bus zu Beginn seines Einsatzes die gewünschte Temperatur aufweist. So muss die wertvolle Energie in Batterien weder für die Heizung noch für die Kühlung des Busses und auch nicht für seine Vorbereitung für den täglichen Betrieb gebraucht werden. (Solaris/PM/Sr)

Fährt rein elektrisch: Der Solaris Urbino 12 electric für Ystad. Foto: Solaris

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