Eine gewisse optische Nähe kann der taiwanesische Reisebus von Mercedes-Benz zum ZK 6137 HQ von Yutong nicht verleugnen, doch wer war zuerst da? Foto: Yutong, Daimler Buses, Montage: omnibus.news

Der Yutong ZK6137HQ würde auch in Europa schnell Käufer finden… Foto: Liu

Qualitätssprung: Der Fahrerarbeitsplatz des Yutong ZK 6137 HQ. Lediglich der Handlauf (rechts im Bild) und die Verkleidung samt Schraubenabdeckung der A-Säule passen nicht so ganz in das ansonsten sehr stimmige Bild. Foto: Yutong

Yutong setzt beim ZK 6137 HQ auf wertige Materialien und eine extrem saubere Verarbeitung. Foto: Yutong

Das Portfolio von Yutong bietet gleich mehrere Omnibusse, die in Europa wohl auch Begehrlichkeiten wecken würden… Foto: Liu

Daumen hoch: Im September 2020 vorgestellt und kurz danach bei Yutong in der Produktion: Der ZK 6137 HQ. Foto: Liu

Nachahmungskunst klingt doch viel schöner als Produktpiraterie, oder? Der chinesische Philosoph Konfuzius sprach aus, worauf sich heute viele chinesische Firmen im Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen berufen: “Wer große Meister kopiert, erweist ihnen Ehre.” Doch auf solche Komplimente oder diese besondere Form der Anerkennung möchten Hersteller gerne verzichten. Dennoch wecken Geschäfte mit dem Reich der Mitte nimmer wieder Begehrlichkeiten, für europäische Bushersteller scheint es verlockender denn je zu sein, in China ins Omnibusgeschäft einzusteigen. Trotz drohender Konkurrenz, kein namhafter europäischer Bushersteller kann es sich erlauben, nicht am chinesischen Markt aktiv zu sein. Der Grund ist einfach, denn das Busgeschäft der großen Hersteller spielt sich längst nicht mehr nur in Westeuropa ab. Geschäfte auf dem asiatischen Markt haben, in Stückzahlen gemessen, die Hälfte des Volumens des Welt-Busmarktes erreicht. Und mit einer Lizenz für ein hierzulande ausrangiertes Fahrzeug lässt sich im Reich der Mitte immer noch gutes Geld verdienen. Beispiel Setra: Seit 1993 ist die Ulmer Marke n China am Markt aktiv, zunächst mit dem S 215 HD und seit 2002 mit dem S 315 HD. Auch hier wurden die Chinesen von deutschen Service-Ingenieuren zunächst angeleitet. Seit 2007 stehen sie aber auf eigenen Füßen. Ankai fertigt Omnibusse mit Ulmer Vorbild in Heifei, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui. Auf den Straßen fahren aber sichtbar mehr Omnibusse mit einer Setra-Karosserie. Mit Zhongzong und der chinesischen Interpretation der TopClass Baureihe einigte man sich außergerichtlich, die kleineren Hersteller mit Teilkopien werden stillschweigend von Daimler Buses geduldet. Auch Neoplan bzw. MAN machte entsprechende Erfahrungen: Neoplan, dessen Modell namens Starliner im September 2004 auf der IAA in Hannover vorgestellt wurde, lief schon im März 2005 in China bei Zonda vom Band. Neoplan gewann den Prozess und den Plagiatsvorwurf vor dem mittleren Volksgericht in Peking deshalb, weil es eine Patent-Anmeldung gab. Wer in China produzieren möchte, muss sich dem Diktat der Chinesen beugen. So gehorcht bis heute die marktwirtschaftliche Ordnung der autoritären politischen Führung. Und die zielt seit Beginn der 80er Jahre mit der Öffnungspolitik auf eine moderne, marktwirtschaftliche und internationale Wirtschaft – nach chinesischen Spielregeln versteht sich. Wer im Reich der Mitte produzieren will, der muss ein Joint-Venture mit einem chinesischen Partner gründen. Es gibt noch weitere Auflagen, für deren Erfüllung man im wahrsten Sinne die Karten offen legen muss. So sind beispielsweise umfangreiche technische Dokumentationen und Spezifikationen an die chinesischen Institute zu überstellen. Ein gewisser Abfluss von Know-how ist Teil der Markterschließung und von allen Busherstellern stillschweigend akzeptiert.  Nur wer sich durch Patent- und Markenanmeldungen schützt, kann etwas gegen den illegalen Technologietransfer erreichen. Dass die Chinesen aber bis zum rechtskräftigen Urteil einige hundert ihrer Starliner als Ehre an das Vorbild verkauft hatten, u.a. 60 Stück nach Jordanien, ärgerte damals nicht nur Neoplan, sondern auch den chinesischen Lizenzpartner von MAN. Young Man hatte die Lizenz zum Bau des Starliners in China offiziell erworben und konnte den Nachbau aufgrund des günstigeren Zonda Starliners nicht mehr so leicht absetzen. Dass sich dem großen Nachmachen irgendwann doch einmal ein Riegel vorschieben lässt, ist sehr unwahrscheinlich. Die Praxis des Kopierens ist in China bekannt nicht ansatzweise negativ besetzt. Und wer sich der Kultur nähert, versteht auch schnell, warum: Das chinesische Wort für “lernen” lässt sich mit “lernen”, aber eben auch mit “nachahmen” übersetzen. Kennt man auch hier, gerade in Bezug auf kleine Kinder spricht man gerne vom  Imitationslernen. Und man könnte mit dem neuen Reisebus für den taiwanesischen Markt aus dem Hause Daimler Buses durchaus vermuten, dass die europäische Omnibusindustrie auch etwas gelernt hat, wenn der Bus mit Stern doch im Yutong ZK6137HQ ein Vorbild sieht, das man Ehre entgegen bringen muss. Imm Herbst letzten Jahres haben die Chinesen den neuen Highend-Reisebus präsentiert, seit Jahresende fährt er im Reich der Mitte auf den Straßen. Optisch zweifelsohne dynamisch, spielt die Linie der Seitengrafik mit dem, was man wiederum von der Ulmer ComfortClass geht – nur eben horizontal gespiegelt. Beim Design will Yutong schon seit einiger Zeit beweisen, dass man auch europäischen Ansprüchen gerecht wird. Yutong ist angekommen, das weiß man spätestens seit der Busworld in Brüssel im Jahr 2019. Was jahrelang nicht selbstverständlich war, haben die Chinesen nun gelernt: Eine eigene Formensprache muss her. Mit dem Elektrobus U12 zeigt Yutong, dass man verstanden hat, dass in Europa mehr auf geometrische Linien mit dem Stift gezeichnet als auf etwas Freies mit dem Pinsel Gemaltes setzt. Herr Yu, der bei Yutong verantwortlich fürs Ideation, das Entwerfen, ist, nahm voller Stolz den Busworld Award für Design für den U12 entgegen. Und der Yutong ZK6137HQ würde auch mit Sicherheit einen Award bekommen, wenn er denn in Brüssel zu sehen wäre. Aber vielleicht reicht den Chinesen ja auch die stille Form der Anerkennung, wenn ein Hersteller den neuen Bus durch eine gewisse optische Nähe ehrt. (Yutong/DaimlerBuses/Busworld/Schreiber/omnibus.news/Sr)

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