MAN verlagert die Entwicklung und Produktion der Reise- und Überlandbusse der Marken MAN sowie Neoplan komplett in die Türkei. Foto: MAN, Montage: omnibus.news

Ufuk Doğrusöz ist der MAN-Werkleiter in Ankara. Foto: MAN, Montage: omnibus.news

Kein April-Scherz: Mit der Neuausrichtung des Konzerns ist die Busgeschichte von MAN in Deutschland beendet. Zum heutigen 1. April 2021 gibt es das Bus Modification Center in Plauen und damit die hauseigene Edelschmiede für Aus- und Umbauten nicht mehr, mit dem Verkauf hat man nun den letzten deutschen Busproduktionsstandort aufgegeben. Der Vorstand der MAN Truck & Bus SE hat sich mit dem Gesamtbetriebsrat und der IG Metall auf den Abschluss eines Interessensausgleichs, eines Sozialplans und eines „Tarifvertrags Zukunft“ für die deutschen Standorte der MAN Truck & Bus SE geeinigt. Rund 3.500 Stellen in Deutschland fallen weg. In dieser Zahl sind neben der Stammbelegschaft auch Leiharbeitnehmer und Mitarbeiter mit befristeten Beschäftigungsverhältnissen berücksichtigt. In einem verhandelten Sozialplan wird der sozialverträgliche Stellenabbau durch die verstärkte Nutzung von Altersteilzeitregelungen, das Auslaufen befristeter Beschäftigungsverhältnisse, den Abbau von Leiharbeitnehmern sowie durch freiwillige Abfindungsangebote erzielt, wie es in der entsprechenden Pressemitteilung heißt. Zudem biete das Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Wechselmöglichkeiten innerhalb des Volkswagen Konzerns an. Alle Personalinstrumente unterliegen der doppelten Freiwilligkeit. In einem „Tarifvertrag Zukunft“ wurde festgelegt, dass betriebsbedingte Kündigungen an den deutschen Standorten der MAN Truck & Bus SE bis zum 31.12.2026 nur mit Zustimmung der IG Metall möglich sind. Sollte keine der Seiten widersprechen, verlängert sich die Vereinbarung automatisch um weitere fünf Jahre. Die durch die Unternehmensseite gekündigten tariflichen und betrieblichen Regelungen werden wertgleich oder inhaltsgleich neu vereinbart. „Die getroffenen Vereinbarungen bilden für MAN die Grundlage, gemeinsam die Herausforderungen der Transformation zu meistern, die auf allen Ebenen unser Geschäftsfeld und unsere Zusammenarbeit verändert. MAN erhält nun die nötigen Handlungsspielräume für diese Herausforderungen. Dabei sind alle Personalmaßnahmen sozialverträglich und ermöglichen den Beschäftigten auf freiwilliger Basis neue Perspektiven. Damit zeigt sich, dass MAN ein verantwortungsbewusster Arbeitgeber ist“, sagt Dr. Martin Rabe, Personalvorstand und Arbeitsdirektor der MAN Truck & Bus SE. Damit ist der Weg frei für eine umfassende und konsequente Neuausrichtung des Konzerns unter dem Dach von Traton, der Volkswagen-Nutzfahrzeugsparte. Die Verantwortlichen hatten angekündigt, den Konzern im Rahmen der Transformation der Branche grundlegend neu aufzustellen, um die anstehenden Herausforderungen durch die Kernherausforderungen CO2-freies Fahren, Digitalisierung und Automatisierung erfolgreich meistern zu können. MAN will sich bis zum Jahr 2030 vom Nutzfahrzeughersteller hin zu einem führenden Anbieter intelligenter und nachhaltiger Transportlösungen entwickeln. Für die Bussparte bedeutet dies nach dem Aus am Standort Plauen nun den Umzug ins türkische Ankara. Die Geschichte von MAN in der Türkei reicht bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Bereits ab 1874 exportierte man Eisenbahnen und Güterwagen in die Türkei. MAN Türkiye A.Ş. war dann der erste Produktionsstandort außerhalb Deutschlands, der 1966 seinen Betrieb aufnahm. In Ankara werden nach eigenen Angaben des Herstellers auf einer Gesamtfläche von 317.000 Quadratmetern Reise-, City- und Überlandbusse der Marken MAN und Neoplan produziert. „Das Werk in der Türkei ist das Kompetenzzentrum für Hochboden- und Niederflurbusse. Höchste Qualitätsstandards und Liefertreue erreichen wir mit dem Production Management System MNPS. Mit einer jungen und dynamischen Organisation arbeiten wir kontinuierlich an der weiteren Verbesserung der Qualität und Kundenorientierung,“ so Ufuk Doğrusöz, der verantwortliche Werkleiter in Ankara. In der Pressemitteilung vom 30. März 2021 heißt es ferner: “Die operative Entwicklung und das Testing des Busbereichs finden zukünftig produktionsnah am MAN-Standort Ankara statt.” Was das bei beispielsweise für die Designabteilung bedeutet, ließ MAN auf Nachfrage von omnibus.news unbeantwortet. Fakt ist, dass München die weltweite Unternehmenszentrale von MAN Truck & Bus bleiben soll. Zudem ist München weiterhin das Hauptproduktionswerk für Lkw, das Kapitel der Busproduktion in Deutschland ist mit der Neuausrichtung und der Schließung des letzten deutschen Standortes in Plauen im Jahr 2021 nun im April beendet. Hier noch ein kurzer, nicht vollständiger und auch nicht repräsentativer Rückblick auf die MAN-Historie: Mit der Entwicklung von einem kleinen Montagewerk zu einem der führenden internationalen Anbietern von Nutzfahrzeugen schrieb MAN somit einst auch am Standort Deutschland Geschichte. 1924 präsentierte man den weltweit ersten Fahrzeug-Dieselmotor mit Direkteinspritzung und völlig neu konstruierte Busse, die auf einem Niederrahmenchassis aufbauten. In den 1930er Jahren baute MAN die ersten Dreiachser sowie Oberleitungsbusse. In Zeiten des Wiederaufbaus und des einsetzenden Wirtschaftswunders prägen in den 1950er Jahren die legendären F8 Haubenwagen und Omnibusse als MKN-Ausführung mit Alligator-Motorhaube das Bild auf den deutschen Straßen. Bis 1954 werden Busse und Lkw in Nürnberg gebaut. Aufgrund der steigenden Produktion zieht MAN in das neue und größere Werk nach München-Allach. Anfang der 1970er Jahre wird die Firma Büssing ein Teil des Konzerns. Auf diesem Weg findet der Braunschweiger Löwe Einzug in das Produktlogo von MAN. 1994 wird der Reisebus Lion’s Star FRH 442 zum „Coach of the Year“ gekürt. Die Busproduktion findet im ehemaligen Büssing-Werk Salzgitter statt. Im Jahr 2000 erfolgt die Übernahme des Busherstellers Neoplan, dessen Linienbusse werden eingestellt und die restlichen Omnibusse dann relativ schnell in der Türkei produziert. Ein neuer MAN-Reisebus wird auf der Busworld 2017 in Kortrijk vorgestellt, der Lion’s Coach macht danach als Teambus für viele Sportvereine Karriere und ist mittlerweile der Mannschaftsbus der Deutschen Fußballnationalmannschaft. 2018 launcht MAN seine neue Stadtbusgeneration – die Lion’s City Baureihe bietet nach eigenen Angaben zukunftsfähige Lösungen für alle Herausforderungen im ÖPNV. Mit den komplett neu entwickelten Diesel- und Gasmotoren, dem neuen MAN EfficientHybrid System und dem vollelektrischen MAN Lion‘s City E steht ab 2018 die ganze Bandbreite sauberer und effizienter Antriebe zur Verfügung. (MAN/omnibus.news/Sr)

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