Motoren aus Mannheim, Doppeldecker aus Schottland. Das gilt zumindest für die beiden ersten Enviro 500 von ADL. Foto: ADL, Montage: omnibus.news

Unruhe in Berlin: Kaum sind die ersten neuen Doppeldecker da, schon tritt die Gewerkschaft Verdi auf den Plan und mahnt an, dass man doch bitte keine Doppeldecker aus der Türkei kaufen solle! Die neuen Doppeldecker für Berlin würden aber nicht in der Türkei gefertigt werden, so die BVG postwendend. Hintergrund der Diskussion sind Informationen der britischen Gewerkschaft Unite, die die deutschen Mitstreiter erreicht haben. Nicht nur in Deutschland, sondern europaweit und selbst auf der Insel in Großbritannien haben Bushersteller mit rückläufigen Aufträgen zu kämpfen. Der Doppeldecker Primus Alexander-Dennis (ADL), der auch die neuen Doppeldecker für Berlin liefert, wollte nach ersten Angaben bis zu 650 Arbeiter entlassen (siehe omnibus.news vom 2.9.), um der Krise Herr zu werden. Seit März 2020 seien bei ADL aber kaum noch Bestellungen eingegangen, wie es aus Schottland heißt. Vor diesem Hintergrund suchen die Verantwortlichen bei ADL ein „schlankeres, flexibleres Fertigungsmodell“ mit geringeren Kosten. Und im Zusammenhang mit den 160 Stellen, die an den schottischen Standorten in Falkirk und Larbert gestrichen werden sollen, brachte die britische Gewerkschaft dann die Türkei ins Spiel, wo die neuen Doppeldecker für Berlin als Auftragsarbeit hätten gefertigt werden sollen. ADL kontert und wirft der britischen Gewerkschaft vor, hier Dinge zu vermischen. „In Bezug auf den Verweis von Unite auf die Vorkehrungen für die Herstellung des Großauftrages aus Berlin sind diese völlig unabhängig von den Maßnahmen, die wir aufgrund der Coronavirus-Pandemie in Großbritannien ergreifen müssen,” so ADL. Die Gewerkschaft fragt sich nun, wo die Chassis für die 25 neuen Doppeldecker, die nach Informationen von Verdi im nächsten Jahr an die BVG geliefert werden, denn gefertigt werden, wenn nun das Chassis-Werk von ADL in der letzten Woche im Rahmen der Restrukturierung geschlossen wurde? Seitens ADL wird erklärt, dass man die Fertigung der Bodengruppe von Guildford nach Falkirk verlagert habe, um hier die Fertigung zu konzentrieren. Und noch etwas gibt ADL preis: „Die anhaltende Unklarheit über die künftigen Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union bedroht Einfuhrzölle und andere Kosten, die diesen und potenzielle andere europäische Verträge bei einer Herstellung in Großbritannien wirtschaftlich unrentabel machen würden.” Im Klartext: Der von der BVG mit ADL vertraglich vereinbarte Kaufpreis ist in Euro festgeschrieben, potentielle Zölle und sonstige Nachteile, die sich aus dem Brexit ergeben, gehen zu Lasten von ADL. Damit wäre der Großauftrag dann vermutlich ein defizitäres Geschäft. Die britische Gewerkschaft äußert sich wie folgt: „Unite wird es nicht zulassen, dass diese Schritte (Anm:: gemeint ist nicht nur der BVG-Auftrag, sondern allgemein der Stellenabbau) umgesetzt werden, wir werden uns dagegen stemmen und kämpfen. Wir haben die schottische und die britische Regierung wiederholt vor der Absicht der Muttergesellschaft New Flyer Industries gewarnt, die Produktionskapazität der Standorte in ganz Großbritannien drastisch einzuschränken und Großaufträge in die Türkei auszulagern.” Seitens ADL heißt es abschließend zum Vertrag mit der BVG, dass man, wenn eine Herstellung in Großbritannien nicht möglich ist, Notfallpläne erstellen müsse, um sicherzustellen, dass der Vertrag weiterhin realisierbar sei. BVG-Sprecherin Petra Nelken versicherte der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel am Sonnabend, dass die Busse nicht in der Türkei gebaut werden. Es sei Bestandteil des Kaufvertrages, dass die Fahrzeuge “in einem Mitgliedsstaat der EU” gefertigt werden, wie die Zeitung schreibt. Die ersten 28 Busse würden nach Angaben der BVG, anders als von Verdi behauptet, sogar noch in England gebaut werden, wie im Tagesspiegel zu lesen ist. Im Oktober 2018 hatte die BVG beschlossen, die Abnahme von 198 Fahrzeugen fest zuzusagen, wenn sich die beiden Prototypen bewähren. Im kommenden Jahr sollen 25 neue Doppeldecker geliefert werden, der Rest von 173 Bussen dann im Jahr 2022. (ADL/Tagesspiegel/Unite/PM/Sr)

Die ersten Vorserienfahrzeuge der neuen ADL-Doppeldecker für die BVG in Berlin wurden noch in Großbritannien gebaut. Foto: Mareck

 

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