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Fahrbibliothek Bremen: Basis ist ein Bus von Volvo, der dem einsatzzweck entsprechend umgebaut wurde. Foto: Schreiber

Fahrbibliothek Bremen: Basis ist ein Bus von Volvo, der dem einsatzzweck entsprechend umgebaut wurde. Foto: Schreiber

Keine Fenster, keine Sitze – und trotzdem ist der Bus in Bremen beliebt wie kein anderer. Das liegt an den fast 5.000 Geschichten, die sich in den Regalen und Schubläden der rollenden Bücherei befinden.

Blick in die rollende Bücherei der Stadt Bremen. Foto. Schreiber

Blick in die rollende Bücherei der Stadt Bremen. Foto. Schreiber

„Wir kommen unseren Lesern mit immer neuen Geschichten entgegen“, sagt Matthias Weyh, Leiter der Busbibliothek in Bremen. Die acht Standorte der Stadtbibliothek reichen aber nicht aus, um alle Leser zu versorgen. Da sich die Hansestadt über eine Länge von knapp 40 Kilometern erstreckt, fährt die rollende Bücherei zusätzlich als mobile Außenstelle nach einem festen Fahrplan an mindestens vier Tagen in der Woche unterschiedliche Haltestellen im gesamten Stadtgebiet an.

Matthias Weyh zeigt das Einsatzgebiet der Fahrbücherei. Foto: Schreiber

Matthias Weyh zeigt das Einsatzgebiet der Fahrbücherei. Foto: Schreiber

„Alles, was rausgeht, kommt auch wieder ein“, so der Bibliothekar. Weil aber in den Wintermonaten deutlich mehr Bücher, Zeitschriften und andere Medien ausgeliehen werden, bestückt das Team der rollenden Bücherei in diesen Monaten jeden Tag vor der Abfahrt den Bus mit zahlreichen neuen Geschichten. „Besonders Neuerscheinungen und Hörbücher sind jetzt gefragt“, erzählt Weyh. Über eine Klappbrücke fährt die Bibliothekar zusammen mit zwei Kolleginnen mehrere hundert Bücher und CDs mit Rollwagen aus dem Magazin direkt in den Bus.

Jeden Tag wird der Bestand aufgefüllt, danach geht es wieder los. Foto: Schreiber

Jeden Tag wird der Bestand aufgefüllt, danach geht es wieder los. Foto: Schreiber

Zusammen mit den zurückgegebenen Büchern füllen sich so schnell alle Regale wieder. Auch die Kinderbibliothek ist wieder komplett bestückt: Keine Lücken mehr in den Rubriken Erde, Basteln, Pferde. Und das ist nur ein Teil des Angebots für die kleinen Bücherwürmer. Sogar Spiele – klassische Brettspiele wie digitalisierte für den Computer – hat die rollende Bibliothek an Bord. „Da sind wir natürlich auf der Höhe der Zeit“, sagt Weyh.

Passt: Die rollende Bücherei kommt fast überall hin... Foto: Schreiber

Passt: Die rollende Bücherei kommt fast überall hin… Foto: Schreiber

Und dann wird es Zeit für die Abfahrt. Der 6-Zylinder-Turbodiesel von Volvo mit 213 kW erfüllt die Euro V-Norm und ist so leistungsstark, dass ihm die Bücherlast nichts ausmacht. Das die AdBlue-Anzeige beim Starten aufleuchtet, stört den Bibliothekar nicht. „Das reicht noch für einige Tage“, weiß er aus seiner Erfahrung. Und auf der Fahrt zur ersten Haltestelle hat Weyh gleich noch eine Geschichte parat. Auch wenn extra ein Haltestellenschild für die rollende Bibliothek aufgestellt worden wäre, viel Platz gäbe es meistens nicht. „Falsch geparkte Autos oder enge Zufahrten sind ein Problem“, gibt der Bibliothekar zu.

Stammt aus der Großserie: Der Fahrerplatz des Volvo-Busses. Foto: Schreiber

Stammt aus der Großserie: Der Fahrerplatz des Volvo-Busses. Foto: Schreiber

Zusammen mit seinen Kolleginnen hat er extra den Lkw-Führerschein gemacht, weiß aber auch, dass die wenigen Stunden hinter dem Lenkrad der Busbibliothek nicht ausreichen, um das 12,5m lange, 2,55m breite sowie 3,35m hohe Fahrzeug wie ein Profi durch kleinste Lücken zu manövrieren. An die Blicke mancher Passanten und anderen Verkehrsteilnehmer habe er sich schon gewöhnt, auch da könne er noch eine Geschichte erzählen, sagt Weyh.

Während der Anfahrt zum Standort sitzen die Bibliothekare beim Fahrer. Foto: Schreiber

Während der Anfahrt zum Standort sitzen die Bibliothekare beim Fahrer. Foto: Schreiber

„Mit Hilfe der optischen Überwachung an Front, Seite und Heck sowie des akustischen Signals beim Rückwärtsfahren geht jetzt fast nichts mehr schief“, schmunzelt der Bibliothekar mit einem Zwinkern. Die Laterne, die er beim Rangieren an einer Haltestelle vor einigen Wochen anfuhr, hätte dort sonst nie gestanden. Dafür stehen die vielen Bücher, Zeitschriften, CDs oder Spiele auch nach schnellen Kurvendurchfahrten oder Bremsmanövern auf den leicht geneigten Regalböden und den Drehständern ganz fest.

Der Bibliothekar Matthias Weyh an seinem Arbeitsplatz in der Fahrbücherei. Foto: Schreiber

Der Bibliothekar Matthias Weyh an seinem Arbeitsplatz in der Fahrbücherei. Foto: Schreiber

An der ersten Haltestelle angekommen wechselt der Bibliothekar vom Fahrerplatz zur Ausleihe, seine Kollegin setzt sich vom Beifahrerplatz auf den Drehstuhl hinter dem Rückgabetresen. Ein vertrauter Blick zueinander durch die gut zehn Meter lange Bibliothek und dann der Ausspruch „Auf geht’s“. Auf Knopfdruck öffnet sich die Außenschwingtür, eine zusätzliche Trittstufe fährt aus und die ersten Besucher betreten die Bibliothek. Bücher werden auf den Tresen gelegt, andere Besucher beziehen ihren Posten vor den Regalen und schauen. Kinder sitzen wie selbstverständlich auf dem Boden und blicken durch die Plexiglasscheiben in die Boxen mit Bilderbüchern.

Auf der Höhe der Zeit: Auch so genannte Neue Medien sind mit an Bord. Foto: Schreiber

Auf der Höhe der Zeit: Auch so genannte Neue Medien sind mit an Bord. Foto: Schreiber

Andere stehen vor den Schubläden, die mit einem Kunststoffhaken gesichert sind. Mit einem kräftigen Ruck lassen sie sich rausziehen und geben den Blick auf hunderte CDs frei. Während hier noch gesucht wird, gehen vorbestellte Bücher an der Ausleihe bereits an den Leser raus. Sie wurden wie die anderen Bücher heute Morgen in den Bus verladen. Bevor man sich versieht, ist auch schon die eine Stunde um, die für diese Haltestelle vorgesehen ist. Weyh setzt sich hinter das Lenkrad, weiter geht es zur nächsten Haltestelle. Unterwegs diskutiert er mit seiner Kollegin über die große Nachfrage nach Sachbüchern von der Spiegel-Bestseller-Liste.

Einer großer Teil des Angebots sind nach wie vor Bücher. Foto: Schreiber

Einer großer Teil des Angebots sind nach wie vor Bücher. Foto: Schreiber

Weil an der nächsten Haltestelle drei Stunden Standzeit vorgesehen sind, kann die Kollegin in einer ruhigen Minute online aus der Zentralbibliothek für den nächsten Tag die Sachbücher bestellen. Das bordeigene WLAN verbindet nicht nur die drei Computer im Bus, sondern erlaubt über eine Mobilfunkverbindung auch den Zugriff auf den Zentralrechner der Bremer Stadtbibliothek. „So sind alle Daten überall immer auf dem neuesten Stand“, sagt der Bibliothekar.

Moderne Zeiten auch an Bord: Der Computer erleichtert die Suche und stellt die Verbindung zur zentrale her. Foto: Schreiber

Moderne Zeiten auch an Bord: Der Computer erleichtert die Suche und stellt die Verbindung zur zentrale her. Foto: Schreiber

Am Abend hat sich der Drehständer, bei dem es die Scheiben aus Plexiglas sind, die Halt und Einblick gewähren, ganz stark geleert. Auch in den Regalen gibt es wieder deutlich sichtbare Lücken. Weit über 300 Besucher waren an Bord. Nicht nur das weiß der Computer, sondern auch, wie viele Bücher und DVDs morgen Früh aufgefüllt werden müssen. Die Tastaturen der drei Computer sind mit einem Klettband an der Arbeitplatte fixiert, können aber auch abgenommen und frei platziert werden.

Handarbeit: Die Fahrbücherei wurde als Einzelstück nach den Vorgaben der Bremer angefertigt. Foto: Schreiber

Handarbeit: Die Fahrbücherei wurde als Einzelstück nach den Vorgaben der Bremer angefertigt. Foto: Schreiber

Geht nicht gibt es nicht - die Finnen setzen alle Wünsche individuell um. Foto: Schreiber

Geht nicht gibt es nicht – die Finnen setzen alle Wünsche individuell um. Foto: Schreiber

Die rollende Bibliothek kommt aus Finnland. Dort sitzt gute 100 Kilometer nordöstlich von Helsinki die Firma Kiitokori. Im Bau von Bibliotheksbussen hat Kiitokori ziemlich viel Know-how, denn seit fast fünfzig Jahren produzieren die Finnen die rollenden Bestseller. Über 640 Bücherbusse sind in dieser Zeit europaweit schon ausgeliefert worden. Seit den 70er Jahren gibt es in Deutschland die auf Volvo-Bodengruppen aufgebauten Bücherbusse aus Finnland.

Auch die Anordnung und Breite der Tür ist bei jeder Fahrbücherei anders. Foto: Schreiber

Auch die Anordnung und Breite der Tür ist bei jeder Fahrbücherei anders. Foto: Schreiber

Zu einem Bus aus Finnland gehört auch immer eine Säge... Foto: Schreiber

Zu einem Bus aus Finnland gehört auch immer eine Säge… Foto: Schreiber

Auch wenn mobile Büchereien ihren Ursprung in Amerika und England haben, in Skandinavien sind sie heute immer noch fester Bestandteil der Kultur und werden entsprechend subventioniert. Sie dienen der Leseförderung der Kinder und versorgen landesweit interessierte Leser mit Medien aller Art. Das Angebot skandinavischer Bücherbusse ist ähnlich vielfältig wie das der Bremer. Der Bibliothekar könnte noch etwas zum finnischen Werkzeugkasten erzählen, denn Kiitokori hat die rollende Bücherei mit Axt und Säge bestückt. Aber das ist noch einmal eine ganz andere Geschichte…

Rüdiger Schreiber

Anm.: Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung meines Artikels in der Fachzeitschrift BUSFahrer 4/2012 und einer Reportage aus dem jahr 2012 auf www.modellbus.info.

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Die Anordnung der Regalböden verhindert das Rutschen der Bücher. Bitte Einsteigen: Eine breite Tür macht den Weg zu den Büchern frei. Fotos: Schreiber

Die Anordnung der Regalböden verhindert das Rutschen der Bücher. Bitte Einsteigen: Eine breite Tür macht den Weg zu den Büchern frei. Fotos: Schreiber

Mit an Bord: Eine Toilette, denn ein Arbeitstag ist bekanntlich lang... Um das Beladen zu erleichtern, ist für die Rollwagen mit den neuen Büchern eine Klapprampe verbaut worden. Fotos: Schreiber

Mit an Bord: Eine Toilette, denn ein Arbeitstag ist bekanntlich lang… Um das Beladen zu erleichtern, ist für die Rollwagen mit den neuen Büchern eine Klapprampe verbaut worden. Fotos: Schreiber

Um den Einstieg zu erleichtern, gibt es eine zusätzliche Trittstufe. Foto: Schreiber

Um den Einstieg zu erleichtern, gibt es eine zusätzliche Trittstufe. Foto: Schreiber

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