Weltweit lauern sie mit der Kamera im Anschlag und wollen nur eins: das perfekte Foto. Nicht nur Schauspieler, Musikstars oder Politiker auf ihren (Ab-)Wegen verkaufen sich gut. Auch Erlkönige der Fahrzeugindustrie und natürlich neue Omnibusbaureihen sind gefragt…

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Im Tarnkleid im hohen Norden unterwegs: Die neue ComfortClass der Baureihe 500 von Setra.

Wer einen Erlkönig-Jäger bei der Arbeit begleiten will, der muss früh aufstehen. Noch vor allen anderen und vor allem vor dem Objekt der Begierde da zu sein ist das oberste Gebot. Ob berühmte Personen in nicht alltäglichen Situationen oder Prototypen neuer Fahrzeuge, derartige Aufnahmen sind immer gefragt, weil sie das Nichtalltägliche preisgeben. „Fünfstellige Preise für ein gutes Foto sind durchaus mal möglich, aber nicht der Alltag“, verrät einer, der es wissen muss. Außerdem würden die modernen Möglichkeiten der Bildbearbeitung am Computer mehr und mehr zum Preisverfall beitragen. „Umso wichtiger sei das perfekte Foto, gestochen scharf und eben kein Schnappschuss. Und dann noch exklusiv für eine Zeitung oder Agentur“.

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Omnibus-Erlkönig sind weltweit und immer in klimatischen Extremregionen zu finden!

All zu viel aus dem Nähkästchen will er aber nicht verraten, denn die Konkurrenz ist groß. Auch sein Name bleibt ein Geheimnis, selbst seine Frau weiß nicht immer, wo er gerade steckt. Ob mitten in Lappland am Polarkreis oder in Finnland, an den höchsten Alpenpässen im Herzen Europas oder in Australien, ob in der Sahara oder im Death Valley der amerikanischen Mojawe-Wüste – die besten Jagdreviere des Erlkönig-Jägers liegen immer in klimatischen Extremregionen. Dass er viele seiner Kollegen von Oktober bis März im Norden Skandinaviens trifft, liegt an den tief verschneiten Straßen und zugefrorenen Seen und den damit idealen Bedingungen für die Tests der Fahrzeugindustrie.

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Tarnen und Täuschen: Auch das Spiel mit dem Marken und Produktnamen gehört zur Taktik beim Versteckspiel.

Ein Omnibus mit auffälliger Folienbeklebung an Front und Heck nähert sich. Der ersehnte Erlkönig fährt scheinbar ganz unbeobachtet auf einer öffentlichen Straße. Scheinbar, denn am Straßenrand steht ein Pkw mit heruntergelassener Scheibe. Das Objektiv der Kamera ist kaum zu sehen. „Volltreffer“, sagt der Profi. Für ein zweites Motiv ist ein Standortwechsel nötig, unauffällig wird der Omnibus, den es offiziell noch gar nicht gibt, verfolgt. Bei passender Gelegenheit wird der Erlkönig überholt. Im Rückspiegel bleibt die getarnte neue Baureihe trotz zunehmender Entfernung sichtbar. Zeit genug, um einen unauffälligen Platz zum Parken zu finden.

Dieser Werbespot von Mercedes-Benz zeigt mit einem Augenzwinkern den Alltag eines Erlkönig-Jägers…

„Wenn der Erlkönig nicht irgendwo abbiegt, gelingt ein zweiter Blattschuss“, sagt der Erlkönig-Jäger. Unter strengster Geheimhaltung vom Hersteller aus auf Testfahrt, weit vor der Markteinführung. Wer nicht in der entscheidenden Sekunde abdrückt, der hat verloren. Aber auch der Profi gesteht die ein oder andere Panne ein: Einmal im falschen Moment Kaffee eingeschenkt und eine Woche umsonst gewartet – so sei das nun einmal…

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Ist die neue Baureihe schon bekannt, fahren Erlkönige auch schon einmal bei Tag in der Nähe des Werkes…

Neben einer Ausbildung zum Fotografen ist körperliche Fitness bei diesem Job eine wichtige Voraussetzung, denn der Erlkönig-Jäger muss in der Wüstenhitze ebenso wie in arktischer Kälte stundenlang auf seine Beute warten. Und das in glühend heißen oder arktisch kalten Autos, auf Bäumen oder in dornigem Gestrüpp. Selbst ein knurrender Magen oder die steigende Anzahl von Insektenstichen dürfen das wachsame Auge nicht ablenken. Grundvoraussetzung für das Geschäft ist neben Geduld und dem richtigen Gespür auch das Glück. Wer nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, der bekommt auch nichts vor die Kamera.

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…meistens sind sie aber in der Nacht unterwegs, um die Teststrecken zu erreichen.

Der erfahrene Erlkönig-Jäger weiß, wann und wo gestestet wird: Rund um die Teststrecken der Hersteller und auf öffentlichen Straßen – weltweit. Die öffentlichen Teststrecken bieten alle Härte-Bedingungen, wie beispielsweise die extremen Steigungen und Kurven in den Alpen. Und Jahreszeiten geben für einige Testfahrten auch ein Zeitfenster vor. Oft gibt es aber auch einen konkreten Tipp von einem Freund. Ob man in diesem Geschäft Freunde hat? „Man hat Tankwarte, Hotel-Mitarbeiter, Zöllner und auch Mitarbeiter von den Herstellern als Freunde!“ lautet die Antwort. Wenn ein Anruf kommt, dann wird kurz recherchiert, bevor der Koffer gepackt wird. Anrufe können manchmal auch dazu dienen, den Profi auf eine falsche Fährte zu locken. „Aber wozu hat man Freunde? Ein Anruf vor Ort genügt…“, sagt der Erlkönig-Jäger siegessicher.

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Oberstes Gebot: Erlkönigfotos nur von öffentlichem Grund und Boden aus fotografieren!

Das Fotografieren von Erlkönigen ist ein wahres Katz und Maus Spiel. Die Hersteller setzen alles daran, das Aussehen der neuen Fahrzeuge möglichst lange geheim zu halten. Schließlich soll nichts preisgegeben werden, bis die Erlkönige ganz offiziell als neues Modell vorgestellt werden. Spezielle Designfolien, Schaumstoffpolster und Anbauteile helfen beim Tarnen und Täuschen. In nicht öffentlich zugänglichen Werkstätten verstecken die Hersteller ihre nächsten Baureihen – mehr oder weniger. Von den Abmessungen klar als Bus zu erkennen sind es die psychedelischen Muster, die als Folie auf das Blechkleid geklebt wurden und so die Geheimnisse der neuen Karosseriemerkmale wahren.

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Psychedelische Muster auf der Klebefolien sollen das Erkennen der eigentlichen Karosserieform erschweren.

Das Muster der Tarnfolie besteht aus unregelmäßigen, geometrischen schwarzen Formen auf weißem Grund. Dieses Muster hat sich als besonders gute Tarnung erwiesen, selbst moderne Bildbearbeitungsprogramme können keine Schatten und damit Konturen mehr errechnen, was früher bei einfarbig getarnten Fahrzeugen durchaus möglich war. Neben der Folie verwenden die Experten auch Anbauteile und Schaumstoffpolster, um wichtige Konturen zu kaschieren. Der Innenraum und der Fahrerplatz samt Armaturentafel werden zu guter Letzt mit Abdeckteilen aus Leder vor neugierigen Blicken geschützt.

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TopClass und ComfortClass: Die optisch markanten Details zum Unterscheiden der beiden Setra-Baureihen sind bestens getarnt.

Bevor die Erlkönige die Werkstatt verlassen, werden in einem ersten Schritt alle nicht für die Funktion benötigten Anbauteile genauso wie die Marken- und Typenbezeichnungen wieder entfernt. Danach werden typische Charakterelemente durch bündiges Ausgleichen mit Kunststoffplatten verfremdet, Fensterlinien unkenntlich gemacht und Scheinwerfer überklebt. Ganz zum Schluss wird der Omnibus großflächig mit einer in Fahrzeugfarbe lackierten Folie bezogen. Damit die Verkehrsicherheit gewahrt bleibt, müssen vereinzelt zusätzliche Teile wie zum Beispiel Heckleuchten oder Blinker durch gängige Teile aus dem Zubehörhandel ersetzt werden.

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Romantisch? Die Mitarbeiter aus dem Fahrversuch können diesen Moment nur bedingt genießen…

Um ihre Arbeit sind die Mitarbeiter aus dem Fahrversuch nicht zu beneiden, auch wenn sie stets mit den neuesten Fahrzeugen unterwegs sind. Erst tüfteln sie tagelang an einer Tarnung, um dann in einer Nacht- und Nebel-Aktion zu den Teststrecken zu fahren. Alles nur, um nicht von einem der Erlkönig-Jäger gesehen zu werden. Mittlerweile haben die Hersteller aber auch für sich den werbenden Effekt von Erlkönigen für sich entdeckt. Manche Fahrzeuge werden zeitnah zu einer Präsentationsveranstaltung noch einmal getarnt auf die Straße geschickt. Und das absichtlich in der Rushhour, denn so sorgt die Mundpropaganda für die gewünschte Werbung…

Rüdiger Schreiber

Anmerkung: Diese Reportage ist eine überarbeitete Fassung meines Artikel aus der Mercedes-Benz Kundenzeitschrift Omnibus 03-2011 sowie der Reportage auf www.modellbus.info vom Februar 2012!

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Die neue Setra ComfortClass der Baureihe 500 wird auf “Herz und Nieren” in unterschiedlichsten Situationen erprobt.

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Auch ein Linienbus wird an verschiedenen Orten im Vorfeld der Vorstellung ausgiebig erprobt.

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Bitte nicht fotografieren! Weil die Marke immer noch zu erkennen ist?

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Was ein Erlkönig versteckt, zeigt der direkte Vergleich der neuen…

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ComfortClass von Setra – die einzigartige Seitengrafik blieb bis zum Schluss ein Geheimnis.

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