Thierry Breton gab als EU-Kommissar Ausblick auf die neue Euro 7-Norm und mahnt an, den Verbrennungsmotor nicht ganz abzuschaffen. Foto: Daimler, Europäische Union, MAN, Schreiber; Montage: omnibus.news

Die automobile Welt ist im Wandel! Die Buswelt noch mehr, wie sonst sollte man die Investition eines zweistelligen Millionenbetrages in einen Standort und dann dort einen massiven Stellenabbau verstehen? Was MAN aktuell in Polen macht, wirft Fragen auf – nicht nur mit Blick auf Elektromobilität!

Auch das Geschäft mit Reisebussen ist nicht mehr das, was es einmal war – das Deutschlandticket verändert hier zweifelsohne den Markt der Busreisen. Wohin diese Reise geht? Das ist nicht klar, Fakt ist aber, dass die Hersteller langfrisitig auch elektrische Antriebe für dieses Segment vorbereiten.

Thierry Breton sei Dank, denn er hat in der letzten Woche die ambitionierten Ziele der EU für den Antrieb zukünftiger Fahrzeuge dargelegt. Der EU-Kommissar muss sich nun Kritik gefallen lassen, hatte er die geplante neue Euro 7-Norm u.a. damit gerechtfertigt, dass so indirekt auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor in anderen Ländern außerhalb Europas sauberer würden.

Kritik macht sich auch deshalb breit, weil es nach dem mit Pauken und Trompeten verkündeten Aus des Verenners jetzt, scheinbar ganz still und leise, doch noch ein Hintertürchen gibt! Die Brüsseler haben sich Bedenkzeit bis 2026 gegeben.

Woran sollen die (Bus-)Hersteller nun orientieren? Haben die Lobbyisten die Bürokraten doch überzeugen können, dass der Wechsel zur reinen Elektromobilität viele, sehr viele – man spricht von über einer halben Million – Arbeitsplätze kosten und auch sehr sehr viele Ressourcen brauchen werde?

Breton selbst war es, der in einem Interview mit Wochenzeitung Politico auf diese Zahl aufmerksam machte und durchaus auch warnte. Zum Ende dieses Jahrzehnts werde man enorm viel Rohstoff für Elektromobilität verbraucht haben, Breton nannte  die 15-fache Menge an Lithium, die vierfache Menge an Kobalt und Graphit sowie die dreifache Menge an Nickel.

Und auch die Tatsache, dass nach seinen Erkenntnissen dann biis 20 bis 25 Prozent mehr Strom für das elektrische Fahren benötige, mache keinen Sinn. „Wenn wir wollen, dass alle Autos elektrisch sind, brauchen wir 150 GW mehr Stromerzeugung pro Jahr“, so Breton. Das Mehr an Strom mit Gas oder Kohle zu produzieren, mache unter Klimagesichtspunkten keinen Sinn – richtig!

Selbst wenn der Strom sauber erzeugt werden würde, seien Elektrofahrzeuge schmutzig – durch die erhöhten Partikelemissionen durch Reifen und Bremsen, wie Breton mit Blick auf die Erweiterung der geplanten Euro 7-Norm darlegte.

Die Berichterstattung von Politico ist in Europa – und vermutlich auf der ganzen Welt – längst eine Pflichtlektüre, wenn es um Interesse an der EU und deren Entwicklung geht. Und mit der boomenden Elektromobilität ist die englischsprachige Wochenzeitung mit den Aussagen von Thierry Breton scheinbar besonders von Interesse.

In einem Interview mit dem Brussels Playbook, ein digitaler Ableger der Wochenzeitung, der online Politico ergänzt, hat der EU-Kommissar nun offen und ehrlich über Elektromobilität und die seitens der EU gesetzten Ziele gesprochen.

Man könnte Politico auch als das Sprachrohr der Kommission ansehen, doch das weist der  Verlag Politico Sprl, eine Tochtergesellschaft der Axel Springer SE, zurück. Wer das Glück hat, einmal in die Räume der Redaktion eingeladen zu werden, der erfreut sich an wirklich gutem Kaffee, äußerst leckeren Croissants und dezenter Jazzmusik.

Die läuft im Hintergrund und trägt zu einer Atmosphäre bei, die das Arbeiten und Austauschen so angenehm macht. Thierry Breton ist qua seines Amtes nicht nur aktuell ein gefragter Interviewpartner bei Politico, EU-Kommissare sind gern gesehene Gäste.

Und wenn man dann einen EU-Kommissar wie Thierry Breton hört, der auch auf die gravierenden Defizite beim Ausbau der Ladeinfrastruktur hinweist, der spürt, dass die Journalisten hier am Puls der Zeit sind und den Interviewpartner die richtigen Fragen stellen.

Der EU-Kommissar kam mit Fakten zum Interview und eröffnete Beeindruckendes: Sieben Millionen Ladepunkte würden benötigt, im Moment gebe es ganze 350.000. Und davon stünden 70 Prozent in nur drei Ländern (Deutschland, Frankreich und den Niederlanden) bereit.

In seinen Augen sei der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor keine gute Idee – denn selbst wenn er in Europa gelinge, bräuchten andere Kontinente noch sehr lange Motoren klassischer Bauart. Ich würde empfehle europäischen Firmen, weiterhin Verbrennungsmotoren zu bauen, so Breton.

Sollte die Kommission feststellen, dass man die gesetzten Zeile verfehle, müsse das Ausstiegsdatum verschoben werden – und zwar ohne Tabus, wie der EU-Kommissar deutlich machte. Wenn also erst in vier Jahren entschieden endgültig werde, ob das, was heute scheinbar Fakt sein soll, dann noch Bestand haben wird, dann werden die Brüsseler Bürokraten dafür ihre Gründe haben.

Spätestens 2026 könnte es dann doch noch einmal ganz anders kommen. Bis dahin haben die Nutzfahrzeughersteller aber viel Geld und Ingenieursleistung in elektrische Antriebe von Omnibussen gesteckt. Positiver Nebeneffekt: Während die Pkw, die jetzt elektrifiziert wurden, häufig viel schwerer als klassisch angetriebene Fahrzeuge sind, sparen neue Omnibusse an Gewicht.

Dass die Nutzfahrzeuge und damit auch Omnibusse eine deutlichere Verschärfung der Grenzwerte erfahren, begründete Breton damit, dass deren Potential größer sei. Zudem sei hier das Ende des Verbrennungsmotors nicht in Sicht, so der EU-Kommisar.

Das Vorhaben der EU ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass 70.000 Menschen jährlich infolge von Feinstaub sterben. Und natülrich ist der Klimaschutz ein Dauerthema. Die neue Euro VII-Norm macht den Herstellern von Pkw- und Nutzfahrzeugen strengere Vorgaben.

Jetzt kann noch eine ganz andere Ebene des Diskutierens eröffnet werden, Experten der Hersteller sowie Wissenschaftler und selbst Umweltverbände sind gefragt, sich zu den Grenzwerten von Emissionen und Partikeln zu äußern.

Interessant: Thierry Breton hat nach Bekanntgabe der neuen Regeln nun Bedenken mit Blick auf die Transformationsrisiken, wie er es nennt. Er werde den Prozess konstruktiv begleiten, führt aber gleichzeitig viele Argumente auf, die gegen die Einführung von Elektrofahrzeugen sprechen.

Gegenüber Agence France Presse (AFP) sagte Thierry Breton: “Ich fordere das gesamte automobile Ökosystem auf, einerseits den Übergang zur Elektromobilität sicherzustellen, um für 2035 bereit zu sein, andererseits aber weiterhin Autos mit Verbrennungsmotoren und Hybridantrieb in Länder zu exportieren, die solche Fahrzeuge noch für viele Jahre oder Jahrzehnte brauchen werden”.

Das Hintertürchen ist also mit Bedacht gewählt. Der EU-Kommissar bestehe angesichts der hohen Einsätze auf einer Notbremse – einer Überprüfungsklausel, die 2026 aktiviert werden soll, wodurch das Ausstiegsdatum 2035 bei Bedarf verschoben werden könne. (Breton/DaimlerBuses/Politico/Traton/Volvo/PM/omnibus.news/Sr)

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