Bundesverkehrsminister Dr. Volker Wissing mit seinem 9-Euro-Ticket. Foto: Screenshot BMVI

Bundesverkehrsminister Volker Wissing sieht im geplanten 9-Euro-Monatsticket für den Nah- und Regionalverkehr einen Anreiz für eine dauerhafte Nutzung von Bussen und Bahnen. Wissing sagte nach der Kabinettssitzung in Berlin, das Ticket sei eine Chance, den Öffentlichen Personennahverkehr sichtbar zu machen.

Zur Gefahr, dass es auf manchen Strecken im Regionalverkehr etwa in Urlaubsregionen überfüllte Busse und Züge geben könnte, sagte Wissing, die Länder hätten gewollt, dass das Ticket deutschlandweit gelte. Deswegen gehe er davon aus, dass sie sich auch entsprechend mit der Frage beschäftigt hätten, was dies für besonders touristisch attraktive Strecken bedeute.

Die Bahn-Gewerkschaft EVG befürchtet pünktlich zum Start an Pfingsten ein Chaos im Öffentlichen Nahverkehr. “Ich rechne mit Räumungen überfüllter Züge und wegen Überlastung gesperrten Bahnhöfen”, so der EVG-Vorsitzende Klaus Hommel anläasslich  einer Vorstandssitzung der EVG.

Kein Bahn-Unternehmen sei bislang ausreichend auf den zu erwartenden Andrang der Kunden vorbereitet. Auf touristisch attraktiven Strecken arbeiteten Busse und Bahnen schon ohne das 9-Euro-Angebot an den Grenzen ihrer Kapazität, sagte Hommel. Er verwies auf Erfahrungen beim 1995 eingeführten Wochenend-Ticket der Deutschen Bahn, das damals zu einem sehr starken Andrang der Kunden geführt hatte, die auch längere Reisen mit den Nahverkehrstickets absolvierten.

“Das Vorhaben der Ampel-Koalition will Gutes erreichen, dabei wurden aber die Konsequenzen nicht bedacht”, meinte der Gewerkschaftschef. Er verlangte eine offene Kommunikation zu den anstehenden Problemen ebenso wie nachhaltige Investitionen in das Verkehrssystem. Für ein besseres Angebot und eine ökologische Verkehrswende müsse die Kleinstaaterei im Nahverkehr aufhören.

„Wenn das 9-Euro-Ticket scheitert es am politischen Willen“, sagte der Bundesverkehrsminister zum Streit mit den Bundesländern. Der Bund habe versichert, man werde die gesamten Kosten in der Höhe von 2,5 Milliarden Euro erstatten. Es handele sich um ein attraktives Angebot für alle.

Kritik gibt es unter anderem, weil das Ticket nur für drei Monate eingeführt wird und Länder und Kommunen mit der Umsetzung des Plans alleingelassen würden. Der Bund finanziert den niedrigen Preis, die Umsetzung müssen die Länder und Kommunen selbstständig organisieren.

Das Ticket sei „voll ausfinanziert“, sagte der Bundesverkehrsminister der ARD im „Bericht aus Berlin“. Die dafür auf den Tisch gelegten Milliarden an Euro seien ein Viertel der Ticket-Einnahmen, die die Länder für dieses Jahr erwarteten. Die Monate Juni, Juli, August seien aber nicht die einnahmenstarken Monate.

„Trotzdem haben wir ein volles Viertel der Jahreseinnahmen auf den Tisch gelegt. Nach unseren Berechnungen sind die tatsächlichen Kosten deutlich unterhalb von 2,5 Milliarden Euro anzusetzen.“ so Wissing. Es werde alles bereitgestellt, was die Länder bräuchten. „Das, was die Länder an mehr Geld wollen, darüber sprechen wir im Herbst. Da geht es um die Finanzierung des ÖPNV in den nächsten Jahren“, kündigte der Bundesverkehrsminister an.

Seit diesem Montag gibt es vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) auch eine eigene 9-Euro-Ticket-App, die auf den gängigen Plattformen heruntergeladen werden kann. “Damit haben insbesondere jene Neukundinnen und Neukunden ab sofort die Möglichkeit, das 9-Euro-Ticket per App zu erwerben, in deren Heimatregion das Ticket bislang nicht per App oder über andere digitale Wege angeboten wird”, teilte der Verband mit.

Die Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket ist hoch. Seit den ersten regionalen Verkaufsstarts am 20. bzw. 23. Mai sind bis heute bundesweit bereits rund 7 Millionen Tickets über die Apps, Ticketshops, Automaten und Kundencenter der Verkehrsunternehmen und Verbünde verkauft worden, wie der VDV mitteilt.

Seit gestern ist zudem die ergänzende 9-Euro-Ticket-App in den App-Stores gelistet. In einem gemeinsamen Pressegespräch formulierten Dr. Volker Wissing, Bundesminister für Digitales und Verkehr, die Bremer Verkehrssenatorin und Vorsitzende der Verkehrsminister-Konferenz Dr. Maike Schaefer und Spitzenvertreter des Branchenverbands VDV heute ihre gemeinsamen Erwartungen für den morgen beginnenden, dreimonatigen Aktionszeitraum des 9-Euro-Tickets.

Die verantwortlichen Akteure aus Politik und Branche betonten dabei die Chancen dieser einzigartigen Aktion für den ÖPNV in Deutschland. Bundesverkehrsminister Wissing: „Ich freue mich sehr, dass Bund, Länder und Branche es gemeinsam geschafft haben, dieses Mammutprojekt in so kurzer Zeit umzusetzen. Darauf können wir stolz sein. In einer wirklichen Krise haben wir etwas auf den Weg gebracht, das den Menschen konkret hilft, Energie einspart, und zugleich einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leistet.”

Die VMK-Vorsitzende Maike Schaefer ergänzt: „Das 9-Euro-Ticket ist an hohe Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger geknüpft und bietet dem ÖPNV eine tolle Chance, sich als attraktives Verkehrsmittel zu präsentieren.“ VDV-Präsident Ingo Wortmann sieht die Branche so gut wie möglich auf den morgigen Start vorbereitet:

„Wir arbeiten seit Wochen an der rechtzeitigen Umstellung unserer Vertriebssysteme und an einer umfassenden Kundenformation. Die aktuell sehr hohe Nachfrage nach dem Ticket wundert uns daher nicht, denn wir informieren und verkaufen auf allen Kanälen. Das Ticket ist zudem einzigartig günstig, bundesweit gültig und damit sehr attraktiv für die Fahrgäste. Allerdings wissen wir aufgrund der aktuellen Verkaufszahlen noch nicht, wie viele Menschen das Ticket ab morgen wie oft nutzen werden. Wir werden trotzdem alles auf die Straßen und Schienen bringen was fahren kann, um die Fahrgäste bestmöglich zu befördern. Denn wir wollen möglichst viele Kundinnen und Kunden von der Leistungsfähigkeit des ÖPNV überzeugen.“

Trotz aller Vorbereitungen ist den Verantwortlichen klar, dass es in den kommenden drei Monaten aufgrund der steigenden Nachfrage hier und da zu sehr vollen Zügen, Bussen oder Bahnen kommen kann. Vor allem auf den Verbindungen zu touristischen Zielen ist mit deutlich mehr Fahrgästen zu rechnen.

„Das deutsche ÖPNV-System ist sehr leistungsfähig. Aber es wird im Juni, Juli und August Strecken geben, auf denen es richtig voll wird. Denn auch wenn das 9-Euro-Ticket eigentlich nicht als touristisches Angebot gedacht war, sondern als Entlastung für die Menschen aufgrund der gestiegenen Energiepreise, werden viele Fahrgäste damit in den Sommermonaten zu Ausflugs- und Urlaubszielen fahren. Es ist daher wichtig, dass alle Beteiligten in solchen Fällen mit der richtigen Erwartungshaltung an die Bus- und Bahnnutzung herangehen. Wir können nur dafür sensibilisieren, bei Fahrten zu beliebten Ausflugszielen möglichst flexibel zu planen, eher mit weniger Gepäck und lieber ohne Fahrrad zu reisen“, so der VDV-Präsident.

Darüber hinaus müsse allen Fahrgästen klar sein, dass diese drei Monate ein einmaliges Angebot seien, ab September gelten dann wieder die regulären Ticketpreise und Rahmenbedingungen. Denn eigentlich, so Wortmann, sei der ÖPNV in Deutschland aufgrund gestiegener Kosten und notwendiger Angebotsausweitungen nicht nur auf ausreichend öffentliche Mittel, sondern dringend auch auf die Fahrgeldeinnahmen angewiesen.

Auch Maike Schaefer erklärt, dass der öffentliche Nahverkehr grundsätzlich mehr Finanzmittel benötigt: „Ich betone erneut, dass bereits ab 2022 die Regionalisierungsmittel dringend erhöht werden müssen, um dauerhaft mehr Fahrgäste im ÖPNV befördern zu können.“ (BMVI/VDV/PM/Sr)

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