Peter Bijvelds hat bei Ebusco das Steuer fest im Griff und in elf Jahren aus dem Start-up ein bedeutendes Unternehmen aufgebaut. Foto: Schreiber

Endmontage im niederländischen Deurne. Foto: Schreiber

Alle Details im Blick, nicht nur in den Niederlanden boomt der Markt der Elektrobusse. Foto: Schreiber

Ebusco überführt die Elektrobusse zum Kunden auf eigener Achse, der Wettbewerb lässt sie auf dem Tieflader anliefern… Foto: Schreiber

Wie kann nachhaltige Mobilität mit weniger Emissionen und mehr Lebensqualität in den Städten gestaltet werden? Mit Elektrobussen, da sind sich heute die meisten Experten einig. Internationale Verpflichtungen zum Klimaschutz und nationale Grenzwertdebatten fördern zudem die Elektromobilität. Zu den Pionieren der Elektrobus-Anbieter gehört das niederländische Unternehmen Ebusco, das Peter Bijvelds fast auf den Tag genau vor elf Jahren gegründet. Als Start-up, denn damals lebte Elektromobilität noch in einer Nische. Im Jahr 2021 sieht die elektromobile Welt ganz anders aus, wurde Peter Bijvelds anfangs belächelt, so sprechen ihm heute Wettbewerber Respekt aus und fragen dabei ganz ungeniert, was er denn da mit dem Ebusco 3.0 und dem Werkstoff der Karosserie so genau denn plane… Nicht zuletzt ist es auch das Abkommen der UN-Klimakonferenz, das der ÖPNV und damit die Hersteller von Linienbussen spüren. Spätestens ab diesem Jahr müssen europaweit verstärkt elektrisch betriebene Busse beschafft werden, sonst wird man das globale Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf „deutlich unter“ zwei Grad Celsius zu begrenzen, wohl nicht erreichen. Die Clean Vehicles Directive der EU haut in dieselbe Kerbe. Der ÖPNV mit tausenden von Linienbussen kann einen entsprechenden Beitrag leisten, die Busbranche ist in Bewegung. Noch ist die Zahl der jährlich neu zugelassenen Elektrobusse überschaubar, besonders dann, wenn man sie ins Verhältnis setzt: Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) weist in seiner Statistik zum Stichtag Jahresende 2018 einen Bestand von 23.496 eigenen und 10.051 angemieteten Bussen bei den Mitgliedsunternehmen auf, in Summe 33.547 Stück, bei denen Standardlinienbusse des Stadt- und des Überlandverkehrs, insgesamt 13.932 Stück, und Gelenkbusse, 8074, die größten Gruppen ausmachen. Immerhin, in Deutschland wurden in 2020 insgesamt 350 neue Elektrobusse zugelassen, im Vergleich zum Jahr 2019 hat sich die Zahl verdoppelt, denn da waren es nur 170. Immer mehr Elektrobusse werden zugelassen, wie zuletzt CME Chatrou Solutions mit der letzten Marktübersicht und der Beobachtung und Dokumentation der letzten Jahre gezeigt hat. Auch die ACEA Busstatistik für 2020 und das E-Bus-Radar von PriceWaterhouseCoopers verzeichnen entsprechende Zuwächse in diesem Segment. Die Zeit des Ausprobierens sei definitiv vorbei, so Peter Bijvelds. Das Thema Elektromobilität ist längst in der Busbranche angekommen, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit buhlen viele Anbieter um die Gunst der Verkehrsbetriebe. Das einstige Start-up Ebusco aus den Niederlanden ist mitgewachsen, hat sich am Markt und den Bedürfnissen der Kunden orientiert und sorgt immer wieder für Aufsehen, zuletzt mit dem Großauftrag über 156 Elektrobusse für Transdev. Und das nicht nur, weil es der größte Elektrobusauftrag bisher war, sondern auch wegen technischer Details. So waren alle 156 Elektrobusse im Jahr 2020 schon mit Kameras und Monitoren statt Spiegeln ausgestattet. Wie Peter Bijvelds im Gespräch mit omnibus.news rückblickend erläutert, sei Ebusco parallel zum Markt mit den drei evolutionären Baureihen gewachsen. Dabei habe man schnell gelernt, wie ein bei der Gründung des Unternehmens noch gar nicht existierender Markt erfolgreich bedient werden könne: „Anfangs war es nur ein Projekt und ich wurde viel belächelt“, erinnert sich Bijvelds. Der Niederländer kommt aus der Automobilindustrie und hat eigene Erfahrungen im Zusammenhang mit einem rein elektrischen Pkw gewonnen. In diesem Zusammenhang sah er durchaus ein Potential für Omnibusse. Doch nicht immer stieß er bei den Menschen auf Verständnis, denen er seine Idee vortrug, die Zeit schien vor acht Jahren noch nicht reif für einen Elektrobus. Das Bauen eines Elektroomnibusses sei damals sekundär gewesen, das beherrschten alle Anbieter. Viel wichtiger sei damals schon das gewesen, was ein Elektrobus auch heute noch tagtäglich benötige: das perfekte Zusammenspiel aller elektronischen Bauteile. „Und eine entsprechende Reichweite“, so der Ebusco-Geschäftsführer. Zwei Jahre nach Start der Projektphase wurde dann das Unternehmen Ebusco BV gegründet, denn die Geschäfte liefen gut, das Geschäftsmodell war genau richtig. Heute beschäftigen die Niederländer 150 Mitarbeiter. Entwickelt und konstruiert sowie endmontiert wird in Deurne, produziert wird im Reich der Mitte. Noch, denn langfristig sollen die Elektrobusse der Baureihe 3.0 von Ebusco ausschließlich in Deurne entstehen. Was bleibt, ist der Zukauf von Großserienbauteilen, die europaweit bei vielen Herstellern von Omnibussen zum Einsatz kommen. „Man muss nicht alles neu erfinden“, so Peter Bijvelds. Was gut sei und sich bewährt habe, sprich gut ins Ebusco-Konzept passe, werde verbaut. Continental beispielsweise liefert das Cockpit, die heute in einem Elektrobus zum Standard zählenden USB-Ladestellen kauft Ebusco bei Happich zu. Hinzu kommen noch weitere bewährte Komponenten wie die Achsen von ZF oder die Sitze von Kiel. Selbst bei den elektrischen Außenschwingtüren setzt Ebusco auf Bewährtes, denn diese liefert Ventura. In der Serienausstattung ist dann beispielsweise auch noch das Wärmepumpensystem von Aurora mit an Bord. Die Konstrukteure und Ingenieure von Ebusco arbeiten alle in der Zentrale am niederländischen Standort in Deurne, gelegen zwischen Eind- hoven und Venlo. Hier wird nicht nur über ständige Verbesserungen philosophiert, sondern auch die Produktion in China überwacht und wichtige Elektronik endmontiert. Kein Ebusco kommt komplett einsatzbereit aus China. Rund 30 % des Ausbaus machen die Niederländer in Eigenregie in Deurne. Die verlängerte Werkbank zu nutzen gehört bisher noch zum Konzept. In den großen Werkshallen in Deurne findet also die Endmontage der in Fernost vorgefertigten Elektrobusse statt. Große Teile des elektrischen Fahrzeugmanagements wie das Hochvolt- und das 24-Volt-Netz werden von Fachkräften in den Niederlanden eingebaut. Hier im Industriegebiet hat Ebusco einen Platz gefunden, wo Produktion und Verwaltung unter einem Dach sind. Den Umzug vom einige Kilometer westlich gelegenen Helmond nach Deurne begründet Peter Beijvelds mit der steigenden Nachfrage und der Möglichkeit, weitere Hallenkapazitäten in unmittelbarer Nähe nutzen zu können. Ein Team aus Konstrukteuren und Ingenieuren steht dank mo-dernster Technik in engen Kontakt mit denen, die die Produktion der Reihe 2.2 in China beaufsichtigen. Von Anfang an sei Aluminium für den Aufbau das Material der ersten Wahl gewesen, so Peter Bijvelds. Aber erst mit dem Wechsel zu Bus and Coach International (BCI) habe man es verarbeiten und entsprechend Gewicht sparen können. Die ersten Elektrobusse wurden noch auf einer Bodengruppe von Golden Dragon mit einer Karosserie samt MAN-Anleihen sowie einer von den Münchnern bekannten Innenausstattung bei Gemilang aus Malaysia aus- und aufgebaut. Heute lässt Ebusco die Elektrobusse der Generation 2.2 im chinesischen Xiamen bei BCI bauen. Der Grund ist ganz einfach: Besitzer ist mit Ron Nazzari ein Australier, der im Reich der Mitte nur für den Export mit westlich geprägten Qualitätsstandards bauen lässt. Dass das Miteinander über die Ferne klappt, beweist Ebusco täglich im Kontakt mit den Kunden, denn ein ganz besonderes Potential sehen die Niederländer in den Möglichkeiten, einen Elektrobus begleiten zu können. Die Ingenieure in Deurne können alle Elektrobusse von Ebusco auf Kundenwunsch jeden Tag aus der Ferne in allen Details begleiten und betreuen. Und die Daten gewinnbringend auswerten, die im Fahrbetrieb anfallen: Ob das Balancieren der Batterien oder Service- und Wartungsarbeiten, vorausschauendes Handeln zahlt sich im elektromobilen Zeitalter mehr denn je aus. Erklärtes Ziel ist es nun, die Produktion in Deurne hochzufahren. Um die nötigen Erfahrungen sammeln zu können, werden schrittweise immer mehr Komponenten direkt von Ebusco erst in den Niederlanden eingebaut. Und ganz zum Schluss, so der Plan, wird der Ebusco zur Gänze aus Holland kommen. Diese Entwicklung im Bereich Elektromobiltität verlangt allen Herstellern entsprechende Investitionskosten ab, bei einem ehemaligen Start-up stellt sich die Frage, wie das finanziert wird und wer heute hinter dem Unternehmen steht. Hier gibt Peter Bijvelds bereitwillig Auskunft: „Die ING Groep N.V., ein niederländi- scher Allfinanz-Dienstleister, steht zum größten Teil hinter Ebusco.“ In den Niederlanden hält das Leasing die Busbranche am Laufen. Elektromo- bilität ist heute vergleichsweise kapitalintensiv. Schlechte Margen und die stets steigende Digitalisierung haben den Markt verändert, dementsprechend sind in den Niederlanden, einem Land, dem der Volksmund findige Kaufleute nachsagt, die meisten Busunternehmer auf ein liquiditätsschonendes Leasing umgestiegen, was zudem noch steuerlich von Vorteil ist, weil Eigenkapital nicht mehr in gewohnter Form vorhanden ist. Diesen Wandel in der Busbranche haben die Verantwortlichen der ING- Group früh erkannt und ein maßgeschneidertes Angebot erstellt. Für mittlerweile 70 % aller Omnibusse in den Niederlanden seien entsprechende Leasing-Verträge geschrieben, so Peter Bijvelds. Um den Markt und die Entwicklung sowie den Wandel hin zur Elektromobilität noch besser verstehen zu können, sei die ING-Group dann „bei uns eingestiegen“, wie der Ebusco-Geschäftsführer gegenüber omnibus.news erläutert. Analysten der ING-Group und Ingenieure von Ebusco schauen gespannt auf das, was die Hersteller von Batterien gerade ankündigen, denn die Energiespeicher spielen eine entscheidende Rolle. Die nächsten Batterien-Baureihen versprechen eine deutliche Kapazitätssteigerung. So könnte schon bald das Nachladen auf der Linie überflüssig werden. „Und richtig balanciert können Batterien, die schonend über Nacht geladen werden, ihr ganzes Potenzial ausspielen,“ versichert Peter Bijvelds. Elektrobusse mit einer Kunststoff-Karosserie könnten so einen ganztägigen Einsatz ermöglichen. Mobile und fest installierte Ladestationen an den Endstationen werden wieder verschwinden, die Ladeinfrastruktur wird sich auf das Depot konzentrieren. Wohin die Reise letztendlich genau geht, werden maßgeblich Politiker und Aufgabenträger bestimmen. Sie haben erkannt, dass man vor einer Vielzahl von Herausforderungen steht: Ob demografischer Wandel, sich ändernde Mobilitätsbedürfnisse oder Anforderungen des Klimaschutzes. Hinzu kommt das Mehr an Kosten, das Elektromobilität allen Beteiligten abverlangt, und dies vor dem Hintergrund einer nicht nur coronabedingt angespannten Finanzlage von Gemeinden und Landkreisen. Als Folge dürften wettbewerbliche Vergabeverfahren um Verkehrsleistungen zunehmen. Und da wird man zukünftig nur noch mit einem rein elektrischen Linienbus punkten können. (omnibus.news/Sr)

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