
Scania gab eine Preview auf den Touring Electric, der ab 2027 bestellt werden kann. Foto: Schreiber

Nur eine dezente Edelstahlblende an der Seite verweist auf den Elektroantrieb. Foto: Schreiber

Scania verbaut die in der eigenen Fabrik in Södertälje hergstellten Batteriemodule mit CATL-Zellen (hinten). Foto: Schreiber
Scania zeigte bei einem Presseevent Mitte Oktober den Touring erstmals als batterieelektrischen Reisebus. Der Prototyp gibt einen Ausblick auf den Einstieg der Schweden in das Segment der vollelektrischen Reisebusse. Bis zu 600 Kilometer Reichweite stellte Per Hasselqvist, Produktmanager bei Scania, in Aussicht. Bestellungen sollen ab Sommer 2027 möglich sein, so Hasselqvist bei der Preview. Noch hält sich Scania mit konkreten technischen Details zur Serienversion zurück, gab damit aber erstmals einen konkreten Ausblick auf die künftige Elektrifizierung des Reisebusangebots gegeben.
Äußerlich unterscheidet sich der batterieelektrische Prototyp kaum von der neuen Touring-Generation mit konventionellem Antrieb. Lediglich eine seitliche Edelstahlplakette mit der Gravur „ELECTRIC“ in Versalien weist auf die andere Antriebstechnologie hin. Die zurückhaltende Gestaltung ist kein Zufall: Der elektrische Touring übernimmt den eigenständigen Auftritt der neuen Baureihe, die Scania gemeinsam mit dem chinesischen Aufbauhersteller Higer entwickelt. Große, ruhige Flächen, vertikale LED-Rückleuchten und ein integrierter Dachspoiler bestimmen das Erscheinungsbild.
Die Aerodynamik spielt bei einem Elektro-Reisebus eine wichtige Rolle, denn sie beeinflusst den Energieverbrauch und damit die Reichweite. Das Designkonzept, insbesondere das des Hecks, verringere den Luftwiderstandsbeiwert auf einen Wert, den es bei Scania noch nicht gab, so Hasselqvist. Da die Test noch nicht abgeschlossen seien, könnte noch keine konkrete Zahl genannt werden. Bei der Vorstellung blieb der Touring Electric noch ein Prototyp zum Anschauen. Fahrgastraum und elektrischer Antriebsstrang wurden nicht gezeigt.
Auch ein vollständiges Datenblatt für die Serienversion gab es nicht. Nach den bei der Präsentation von Per Hasselqvist genannten Angaben soll der dreiachsige Toruing Electric dann Batteriepakete mit einer Kapazität von insgesamt 534 kWh erhalten. Die Batterien, die von Scania in Södertälje produziert werden, sind teilweise im Gepäckraum und teilweise im Heckbereich untergebracht. Diese Integration stellt die Entwickler vor eine besondere Herausforderung: Reichweite und Gepäckraumvolumen müssen bei einem Reisebus miteinander in Einklang gebracht werden.
Wer die größte Batterieausstattung wählt, muss nach Aussagen von Scania mit einer Verringerung des Gepäckraumvolumens um bis zu 40 Prozent rechnen.Eine genaue Kubilkmeterangabe machte Scania nicht. Beim neuen dreiachsigen Scania Touring mit konventionellem Antrieb wächst das Gepäckraumvolumen gegenüber dem Vorgänger laut Hersteller um bis zu 14,5 Prozent. In einem Prospekt zur Touring-baureihe der 1. Generation wird für den 13,7 Meter langen Dreiachser mit WC ein Gepäckraumvolumen von 9,32 m³ angegeben.
Für Busunternehmer, die einen BEV-Reisebus auf Tour schicken, ist das Gepäckvolumen ein wichtiger Aspekt, denn bei Fernreisen und touristischen Mehrtagesfahrten gehört die Unterbringung von Koffern und Reisegepäck zu den zentralen Anforderungen. Per Hasselqvist nannte eine Reichweite von bis zu 600 Kilometern. Dieser Wert sei allerdings als möglicher Referenzwert zu verstehen, nicht als garantierte Reichweite unter allen Einsatzbedingungen. Streckenprofil, Geschwindigkeit, Außentemperatur, Beladung und der Einsatz von Heizung oder Klimaanlage beeinflussten den Energiebedarf.
Wie sich der Touring Electric im realen Reisebetrieb schlägt, müssen spätere Tests zeigen. Für das Laden ist eine CCS2-Schnittstelle vorgesehen. Nach Aussagen von Hasselqvist soll eine Ladeleistung von bis zu 325 kW möglich sein. Damit ließe sich die Batterie bei geeigneter Ladeinfrastruktur während einer längeren Pause nachladen. Die tatsächliche Ladezeit hänge unter anderem vom Ladezustand, der Batterietemperatur und dem Verlauf der Ladekurve ab. Scania bringt dafür Erfahrungen aus der Entwicklung eigener elektrischer Bus- und Nutzfahrzeugplattformen mit.
Das Unternehmen entwickelt unter anderem elektrische Lkw, Getriebe, Batteriepacks und Kühlkonzepte. Scania reagierte auf das Ende des Batterieherstellers Northvolt mit einem Wechsel des Zelllieferanten und einer Anpassung der eigenen Batteriefertigung in Södertälje. Der entscheidende Punkt: Scania gab die eigene Batteriepack-Montage nicht auf, sondern stellte sie auf Zellen des chinesischen Herstellers CATL um. Welche Komponenten und Leistungsdaten letztlich in der Serienversion des Touring Electric zum Einsatz kommen, konnte Per Hasselqvist allerdings noch nicht abschließend offenlegen.
Mit dem Touring Electric erweitert Scania die Antriebsmöglichkeiten für das Reisebussegment um einen batterieelektrischen Ansatz. Anders als im Stadtbusverkehr, wo feste Linien, planbare Standzeiten und regelmäßige Rückkehr zum Betriebshof den Einsatz von Elektrofahrzeugen erleichtern können, gelten für Reisebusse besondere Anforderungen: hohe Tagesfahrleistungen, wechselnde Streckenprofile und der Bedarf an ausreichend Gepäckraum. Eine angekündigte Reichweite von bis zu 600 Kilometern könnte den Einsatzbereich des elektrischen Touring über kürzere Ausflugsfahrten und regionale Verkehre hinaus erweitern.
Entscheidend werden jedoch nicht allein die maximale Reichweite, sondern auch die nutzbare Batteriekapazität, die Ladeleistung, das Fahrzeuggewicht und die verbleibende Gepäckkapazität sein. Scania hat angekündigt, Bestellungen für den Touring Electric im Sommer 2027 zu öffnen. Bis dahin dürfte der Hersteller weitere Angaben zur Serienausführung, zu verfügbaren Konfigurationen und zum tatsächlichen Einsatzprofil veröffentlichen. Mit dem Touring Electric wird damit ein weiterer Schritt in Richtung batterieelektrischer Reisebusse sichtbar.
Wie gut sich die Kombination aus Reichweite, Ladeleistung und Gepäckraum im anspruchsvollen Reisebetrieb bewährt, wird sich allerdings erst zeigen, wenn die ersten Serienfahrzeuge unterwegs sind. Und das soll dann ab 2028 der Fall sein. Was wird der Touring Electric kosten? Auch hier hielt sich Per Hasselqvist diplomatisch zurück, denn aktuell pflege man den neuen Toruing mit konventionellem Antrieb in das Verkaufssystem ein, Preise für die BEV-Variante werde es in einem halben Jahr geben. Es bleibt spannend, im wahrsten Sinne! (Scania/omnibus.news/Sr)

Scania wird den Touring (li.) wahlweise mit Dieselmotor, Elektroantrieb (mi., hier im Caetano Levante verbaut) und PHEV-Antrieb (re., in einem Irizar i6 efficient) anbieten. Foto: Schreiber

Auch beim Touring Electric: Wahlweise gibt es kleine Staufächer (rechts) über den Achsen. Foto: Schreiber

Per Hasselqvist, Produktmanager bei Scania, stellte den neuen Touring Electric vor. Foto: Schreiber