
Karl Kässbohrer, Enkel des Firmengründers und Neffe des Setra-Erfinders Otto Kässbohrer, bedauert das Ende des Setra-Museums. Foto: Niko Dirner
Ein Museum ist mehr als die Summe seiner Exponate. Wer einen historischen Ort aufgibt, verliert mehr als vier Wände. Daimler Truck scheint beim ehemaligen Setra-Museum in Ulm genau das zu unterschätzen. Karl Kässbohrer war bis 1992 Mitglied der Chefetage des Ulmer Busherstellers Kässbohrer. Am 9. September 1994 wurde mit einem notariellen Kaufvertrag die Übernahme der Omnibussparte durch die damalige Mercedes-Benz AG besiegelt. Nun geht es erneut um ein Stück Kässbohrer-Geschichte. Mit dem Enkel des Firmengründers und Neffen des Setra-Erfinders Otto Kässbohrer sprach Niko Dirner, Reporter für Stadt und Landkreis Neu-Ulm bei der Südwest Presse, über die Schließung des Setra-Museums im Ulmer Fischerviertel.
Auf beiden Seiten der Donau hat die Entscheidung für Bestürzung gesorgt – nicht zuletzt, weil das Haus Ende 2025 offenbar ohne große öffentliche Ankündigung geschlossen wurde. Noch größer ist die Ernüchterung über das, was nun als Ersatz angeboten wird: eine Präsentation in der Kässbohrer-Halle auf dem Werksgelände in Neu-Ulm. Karl Kässbohrer findet dafür deutliche Worte. „Ich bedauere außerordentlich die Entscheidung im Hause Daimler Truck, diese Begegnungsstätte an diesem historischen Ort aufzugeben“, sagt er im Gespräch mit der Südwest Presse am 10. September 2026. Seine Enttäuschung hat auch eine sehr persönliche Seite. Sein Vater Karl Kässbohrer habe an der Konzeption und Einrichtung des Museums maßgeblich mitgearbeitet.
Und Karl Heinrich Kässbohrer selbst wuchs in jenem Haus auf, das einst der Familie gehörte. Die Sorge ist deshalb nachvollziehbar: Die Erinnerung an die Geschichte des Unternehmens Kässbohrer sei nun „in Gefahr, verloren zu gehen“, sagt Kässbohrer gegenüber Niko Dirner. Das ehemalige Setra-Museum erzählte eben nicht nur die Geschichte einer Omnibusmarke. Es erzählte die Geschichte einer Unternehmerfamilie, einer Stadt und einer Industrie. Es erzählte davon, wie aus einer Ulmer Wagenfabrik ein weltweit bedeutender Omnibushersteller wurde. Und genau deshalb ist der Ort nicht beliebig austauschbar. Karl Kässbohrer bringt es auf den Punkt: „Zu glauben, man könne die Atmosphäre des Hauses am Saumarkt in eine ehemalige Abstellhalle übertragen, halte ich für einen Irrtum.“
Dem wird man kaum widersprechen können. Ein Sprecher von Daimler Truck hatte bereits im Vorfeld des Gesprächs mit Karl Kässbohrer auf die Kritik reagiert und erklärt, das Gebäude sei nie öffentlich zugänglich gewesen, sondern lediglich für spezielle Kundenveranstaltungen genutzt worden. „Das Gebäude war also kein Museum im eigentlichen Sinne.“ Das mag formal stimmen. Aber ist das wirklich der entscheidende Punkt? War der Sprecher von Daimler Truck jemals im ehemaligen Setra-Museum? Denn wer dort gewesen ist, weiß: Die Bedeutung dieses Hauses erschöpfte sich nicht in seiner Funktion als Veranstaltungsort. Entscheidend war die Verbindung von Ort, Geschichte und Exponaten.
Dafür gibt es einen alten Begriff: Genius loci – der Geist des Ortes. Gemeint ist die besondere Atmosphäre, Identität und Ausstrahlung eines Ortes. Sie entsteht aus Architektur und Geschichte, aus Erinnerungen und Nutzung, aus den Menschen, die dort gearbeitet, gelebt und Besucher empfangen haben. Auch Geräusche, Gerüche und die unmittelbare Umgebung gehören dazu. Genau das machte das ehemalige Setra-Museum aus. Man konnte dort nicht einfach nur einen Bus anschauen. Man stand am Ort der Geschichte. Und genau dieser Zusammenhang ist jetzt weg. Ein Setra in einer Halle auf dem Werksgelände kann dasselbe Fahrzeug sein. Eine Vitrine kann dieselben Exponate enthalten. Ein historisches Foto kann dasselbe Foto sein.
Aber der Ort ist nicht mehr derselbe. Und damit ist auch die Geschichte eine andere. Besonders bemerkenswert ist deshalb eine Aussage von Harald Landmann, der 2001 Sprecher der Marke Setra war. Das Unternehmen halte am Museum fest, denn es spiele eine wichtige Rolle bei der „emotionalen Kundenbindung“. Wie ernst nimmt Daimler Truck dieses eigene Argument heute? Denn genau diese emotionale Bindung entsteht nicht allein durch glänzende Omnibusse und historische Fotografien. Sie entsteht durch Authentizität. Wer einen Unternehmer, einen Kunden oder einen Busfan an den historischen Ort führt, an dem die Geschichte von Kässbohrer und Setra tatsächlich stattgefunden hat, vermittelt etwas, das eine beliebige Ausstellungshalle nicht leisten kann.
Geschichte braucht manchmal einen Ort. Was ist Daimler Truck diese Geschichte wert? Noch irritierender ist die von Karl Kässbohrer berichtete Episode um eine Landauer-Kutsche, die sein Großvater 1908 gebaut hat. An einer Schenkung dieses historischen Fahrzeugs habe Daimler Truck kein Interesse gezeigt. Wenn das so stimmt, stellt sich zwangsläufig die Frage: Was ist Daimler Truck die eigene Geschichte eigentlich wert? Denn das Unternehmen profitiert bis heute von der Geschichte, die in Ulm geschrieben wurde. Setra ist eine der großen Traditionsmarken des europäischen Omnibusbaus. Im ehemaligen Kässbohrer-Werk in Neu-Ulm werden weiterhin Setra-Reisebusse gebaut.
Aber Tradition ist mehr als ein Markenname. Kässbohrer verschwand – Setra blieb. Vielleicht liegt hier auch das grundsätzliche Problem. Als Mercedes-Benz die Omnibussparte von Kässbohrer übernahm, verschwand der Name Kässbohrer weitgehend aus der sichtbaren Unternehmenskommunikation. Der Name wurde geopfert – das geistige Erbe aber unter der Marke Setra fortgeführt. Das war seinerzeit aus Sicht eines global agierenden Konzerns nachvollziehbar. Doch wer das Erbe übernimmt, übernimmt eben auch Verantwortung für dieses Erbe. Eine Kässbohrerstraße gibt es noch in der Ulmer Weststadt. Das Karl-Kässbohrer-Haus erinnert in Petersthal im Allgäu an die Familie.
Und die Otto-Kässbohrer-Stiftung führt einen ganz anderen Teil des Vermächtnisses fort: den sozialen Gedanken. Denn der Omnibus war für Kässbohrer offenbar nicht nur ein technisches Produkt. Er war auch ein Instrument gesellschaftlicher Teilhabe. Mobilität bedeutete für ihn, Menschen miteinander zu verbinden. Ein Museum ist keine Abstellhalle! Vielleicht sollte Daimler Truck deshalb noch einmal darüber nachdenken, was ein Museum eigentlich leisten soll. Es geht nicht darum, möglichst viele Exponate unter ein Dach zu bekommen. Es geht darum, Geschichte erfahrbar zu machen. Das ehemalige Setra-Museum konnte genau das. Es verband Marke, Familie, Stadt und Industriegeschichte an einem authentischen Ort.
Die Kässbohrer-Halle mag eine gute Möglichkeit sein, Exponate zu präsentieren. Aber sie ist etwas anderes. Sie ist eine Ausstellungshalle. Das ehemalige Setra-Museum war ein historischer Ort. Und zwischen beidem liegt der Genius loci. Den kann man nicht einfach mitnehmen. Man kann ihn nicht in Kisten verpacken, nicht auf einen Lastwagen laden und nicht in einer neuen Halle wieder aufstellen. Man kann ihn nur bewahren – oder verlieren. Daimler Truck hat sich entschieden. Jetzt muss das Unternehmen damit leben, dass viele Menschen auf beiden Seiten der Donau diese Entscheidung nicht als Fortschritt, sondern als Verlust empfinden. Denn Setra lebt weiter, auch wenn ein Stück ihrer Seele ist am Saumarkt geblieben ist. (Dirner/SWP/Kässbohrer/omnibus.news/Sr)