
Yutong hat einen Elektro-Gelenkbus der Baureihe U18 in BRT-Ausführung vorgestellt. Foto: Terjesen
Yutong hat anlässlich der Eröffnung seines neuen norwegischen Servicecenters in Stokke einen Elektro-Gelenkbus der Baureihe U18 in BRT-Ausführung vorgestellt. Nach Angaben des chinesischen Herstellers soll der U18 BRT in allen europäischen Märkten angeboten werden. Das Premierenfahrzeug wurde für Kolumbus AS ausgeliefert, die Agentur für die Planung, Vermarktung und Organisation des öffentlichen Verkehrs in der norwegischen Region Rogaland.
Kolumbus, auch bekannt als Rogaland Kollektivtrafikk, entstand aus dem Zusammenschluss mehrerer kleinerer Verkehrsunternehmen, die zuvor für unterschiedliche Teile Rogalands zuständig waren. Der U18 BRT ist 18,72 Meter lang, 2,55 Meter breit und 3,20 Meter hoch. Den Radstand gibt Yutong mit 5,9 beziehungsweise 6,6 Metern an. Für den Elektrobus stehen drei Batteriekonfigurationen mit 579, 621 und 704 kWh zur Verfügung.
Auffällige Nähe zur Irizar ieTram
Auffällig ist die optische Nähe des U18 BRT zur ieTram von Irizar. Auf die Frage nach den augenscheinlichen Parallelen zum spanischen Elektrobus hält sich Yutong bedeckt. Der Umgang mit der Übernahme beziehungsweise deutlichen Anlehnung an bestehende Designs wird in China teilweise anders bewertet als in Europa. Eine starke Orientierung an einem Vorbild kann dort durchaus als Hommage, Anerkennung oder als Ausdruck des Lernens von einem Meister verstanden werden – und nicht automatisch als Plagiat.
Das bedeutet allerdings nicht, dass es in China kein Bewusstsein für Urheberrechte oder keine Kritik an Produktkopien gäbe. Historisch spielen in der chinesischen Gelehrten- und Kunsttradition vielmehr auch Vorstellungen eine Rolle, nach denen das möglichst genaue Nachahmen eines Meisters ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur eigenen Meisterschaft ist. Beim Blick auf den U18 BRT drängt sich dieser Gedanke geradezu auf.

Yutong orientiert sich am europäischen Wettbewerb und erweitert das Portfolio um E-Linienbusse für BRT-Systeme. Foto: Terjesen
125 Stehplätze
Bei der Fahrgastkapazität nennt Yutong bis zu 125 Steh- und 46 Sitzplätze. Zum Vergleich: Irizars ieTram18 bietet nach Herstellerangaben bis zu 110 Steh- und 49 Sitzplätze. Allerdings ist die ieTram18 mit 18,20 Metern auch rund 50 Zentimeter kürzer als der U18 BRT. Bei der Batteriekapazität liegen beide Fahrzeuge dagegen dicht beieinander: Irizar bietet für die ieTram18 bis zu 716 kWh an, Yutong kommt beim U18 BRT auf maximal 704 kWh.
Mit der größten Batterie soll nach Angaben von Yutong eine Reichweite von mehr als 700 Kilometern möglich sein – bei einer Messung nach SORT2. Das flüssigkeitsgekühlte Ladesystem des Yutong soll mit bis zu 500 A über einen einzelnen Stecker arbeiten können. Werden beide Stecker genutzt, seien bis zu 1.000 A möglich. Damit soll sich die Batterie nach Angaben des Herstellers in etwas mehr als einer Stunde von 12 auf 100 Prozent laden lassen.
Für skandinavische Temperaturen gerüstet
Für den Antrieb setzt Yutong auf zwei Flachdrahtmotoren. Deren Lebensdauer beziffert der Hersteller mit 20 Jahren beziehungsweise zwei Millionen Kilometern. Besonders betont Yutong die Temperaturfestigkeit seiner Batterien. Diese seien für einen Betrieb zwischen -40 und +55 °C ausgelegt. Für Skandinavien ist das zweifellos ein Argument. Für das konkrete Einsatzgebiet von Kolumbus dürfte die Auslegung auf extreme Kälte allerdings nur bedingt relevant sein: Temperaturen unter -10 °C sind an der Küste Rogalands eher selten.
Assistenzsysteme auf europäischem Niveau
Um bei europäischen Verkehrsbetrieben zu punkten, stellte Yutong in Stokke zudem die umfangreiche Ausstattung mit Fahrerassistenz- und Sicherheitssystemen heraus. Dazu gehören unter anderem ein Notfallassistent mit Frontkamera und Radar, Müdigkeitserkennung und Funktionen zur Kollisionsvermeidung für den Fall eines Ausfalls des Fahrers. Hinzu kommen EBS, ESC, eine Berganfahrhilfe, Brems- und Notbremsassistent, Reifendruckkontrolle sowie ein Spurhalteassistent.

Yutong hat zum europöäischen Wettbewerb aufgeschlossen: So sind beispielsweise Müdigkeitserkennung und Funktionen zur Kollisionsvermeidung für den Fall eines Ausfalls des Fahrers. Foto: Terjesen
Yutong wollte damit deutlich machen: Bei den inzwischen üblichen Sicherheits- und Assistenzsystemen hat der chinesische Hersteller zum europäischen Wettbewerb aufgeschlossen. Und damit ist man wieder bei der chinesischen Kultur des Lernens durch Nachahmung angekommen. In der chinesischen Gelehrten- und Kunsttradition hatte das Studium eines Meisters durch Nachahmung über Jahrhunderte einen hohen Stellenwert. Ein Schüler sollte zunächst möglichst genau nachvollziehen, wie sein Meister arbeitet. Erst auf dieser Grundlage entwickelte er seinen eigenen Stil.
Was heute zur Ausstattung eines modernen Linienbusses gehört und wie ein Fahrzeug für ein BRT-System aussehen kann, hat Yutong zweifelsohne verstanden. Der U18 BRT zeigt, dass der Hersteller die Anforderungen an einen modernen europäischen Elektro-Gelenkbus kennt und technisch umsetzen kann. Ein Omnibus kann dabei durchaus an ein bereits existierendes Fahrzeug angelehnt sein, um dessen Konzept zu studieren und – aus chinesischer Sicht – vielleicht sogar Respekt vor dem Vorbild zu zeigen. Das Entscheidende ist dann nicht unbedingt die Aussage: „Ich habe etwas völlig Neues erfunden.“ Sondern eher: „Ich kann zeigen, dass ich das Vorbild verstanden habe und seine Technik beherrsche.“ (Yutong/Irizar/omnibus.news/PM/Sr)