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Ausrangierte Trolleybusse aus der Schweiz sind heute immer noch in der chilenischen Stadt Valparaíso im Einsatz. Foto: Schreiber

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…“. Wer in Südamerika unterwegs ist, trifft in Chile auf Trolleybusse aus der Schweiz. Genauer gesagt in Valparaíso. Die chilenische Hafenstadt, die für ihre steilen Seilbahnen und Hügel mit farbenfrohen Häusern bekannt ist. La Sebastiana, der eigenwillig gestaltete ehemalige Wohnsitz des chilenischen Dichters Pablo Neruda, beherbergt heute ein Museum, aus dem sich weite Ausblicke über den Pazifik bieten. Architektur und Kultur und Verkehr der Stadt sind durch die europäischen Einwanderer aus dem 19. Jahrhundert geprägt.

Und durch importierte Trolleybusse, wie heute die Fahrzeuge von NAW/Hess aus Luzern zeigen. Wer das Angebot in Valparaíso nutzt, kann nach der Reise davon berichten, im einzigen noch aktive Trolleybus-System in Chile mitgefahren zu sein. Betreiber ist die private Firma Trolebuses de Chile S.A.. Die schweizer Trolleybusse verkehren auf rund fünf km langen Strecke mit einer Linie im Stadtgebiet (Linie 802). Seit 1952 sind Trolleybusse hier unterwegs, das System ist damit eines der ältesten in Südamerika. Vor über zehn Jahren, im März 2014, nach Angaben von Trolebuses de Chile S.A. ein Vertrag über den Kauf von zehn gebrauchten Trolleybussen von den Verkehrsbetrieben Luzern (VFL) geschlossen.

Die letzte Erneuerung des Fuhrparks fand Anfang der 90er Jahre statt, wie Trolebuses de Chile S.A. gegenüber omnibus.news erklärte. Die Fahrzeuge stammen von einer Hersteller-Arbeitsgemeinschaft, die rollende Basis lieferte die Nutzfahrzeuggesellschaft Arbon & Wetzikon, den Aufbau übernahm Hess. Vor 40 Jahren war Gleichstromtechnik angesagt, heute findet sich modernste Leistungselektronik und ein Computer an Bord. Ein extrem stabiler Stahlrahmen macht das Fahrzeug langlebig, außerdem berichten die Chilenen, dass die Trolleybusse sehr reparaturfreundlich seien. Und: Sie seien sehr tolerant gegenüber schlechten Straßen…

Bevor die Busse die Schweiz verließen, wurden sie außer Betrieb genommen, von Stromabnehmern, Spiegeln und empfindlichen Teilen befreit sowie für den Seetransport konserviert. Danach ging es per Tieflader nach Antwerpen. Der Zielhafen war Valparaíso, die Trolleybusse kamen also direkt vor Ort an, ein großer Vorteil, weil kein Weitertransport über Land nötig war, weil die Fahrzeuge nahe beim Depot (zu dem sie geschleppt wurden) ankamen. Die NAW/Hess-Trolleybusse trafen im Sommer 2014 in der chilenischen Hafenstadt ein, konnten aber nicht gleich in Dienst gestellt werden, weil die seinerzeit geltenden Verkehrsbestimmungen den Betrieb so alter Fahrzeuge im ÖPNV untersagten.

Nach Ausnahmegenehmigung und geänderten Bestimmungen wurden Anfang 2015 die Schulungen für Fahrer und Werkstatt durchgeführt, am 23. März 2015 wurden die NAW/Hess-Trolleys in Betrieb genommen. Trolebuses de Chile S.A. kaufte acht weitere Trolleybusse desselben Typs vom Verkehrsbetrieb in Luzern, sie wurden ab 2017 in Dienst gestellt. Seit 2023 besteht die gesamte Busflotte in Valparaíso aus ehemaligen Fahrzeugen aus Luzern. Trolleybusse aus der Schweiz genießen in Chile einen sehr guten Ruf.

Nicht nur wegen der ausgereiften und guten (Elektro-)Technik, sondern auch deshalb, weil sie für steile Strecken  geeignet sind. Valparaíso hat zwar keine Berge wie in der Schweiz, ist aber hügelig… Außerdem passten die Systeme erstaunlich gut zusammen, wie Trolebuses de Chile S.A. erklärt. Gleiche Spurweite und ähnliche Fahrdrahtspannung (600 V Gleichstrom), so die Chilenen gegenüber omnibus.news, so seien Anpassungen möglich und überschaubar gewesen. (omnibus.news/Sr)

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